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    <title>DenkFoul</title>
    <link>https://denkfoul.de/</link>
    <description>Steter Tropfen höhlt das Hirn</description>
    <pubDate>Thu, 09 Apr 2026 07:45:39 +0000</pubDate>
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      <title>Unsere Experten</title>
      <link>https://denkfoul.de/von-unabhangigen-experten-und-ehrenamtlichen-amateuren?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Unsere Experten&#xA;&#xA;– Ein Kommentar zur Impfempfehlung der StiKo für Kinder ab 12 Jahren –&#xA;&#xA;smallVerfasst am 29.08.2021 (English summary at the end of the article)/small&#xA;&#xA;&amp;laquo;Die STIKO empfiehlt für alle 12 – 17-Jährigen die COVID-19-Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs [...].&amp;raquo;&#xA;&#xA;In der Ausgabe 33/2021 des Epidemiologischen Bulletins begründet die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre aktualisierte COVID-19 Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche [1]. Die geänderte Empfehlung beruht demnach auf der Bewertung neuer quantitativer Daten und Modellen. Im folgenden Text stelle ich dar, dass die angeführten Daten mindestens ebenso gut geeignet wären, die Impfung nicht zu empfehlen.&#xA;&#xA;Risiko von COVID-19 für Kinder und Jugendliche&#xA;&#xA;Zur Einschätzung des Risikos der Erkrankung zunächst einige ausgewählte Textpassagen zur Epidemiologie von COVID-19 im Wortlaut:&#xA;&#xA;&amp;laquo;Obwohl schwere COVID-19-Erkrankungen auch im Kindes- und Jugendalter vorkommen können, zeigt der überwiegende Teil einen asymptomatischen oder milden bzw. moderaten Infektionsverlauf von ein- bis zweiwöchiger Dauer.&amp;raquo;&#xA;&#xA;&amp;laquo;Die Mortalität von COVID-19 ...] bei 0 – 19-Jährigen [...] beträgt 0,17/100.000 Einwohner.&amp;raquo; [(Fußnote 1)&#xA;&#xA;&amp;laquo;Die Hospitalisierungsinzidenz und Todesfallzahl für COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 – 17 Jahren liegen auf einem vergleichbar niedrigen Niveau wie die Hospitalisierungsinzidenzen (Spanne: 1 – 26/100.000) und Todesfallzahlen (1 – 14) für Influenza in den Saisons 2009/2010 bis 2018/2019.&amp;raquo;&#xA;&#xA;&amp;laquo;In der Auswertung zeigte sich, dass Kinder mit COVID-19 nicht häufiger von Spätfolgen betroffen waren als Kinder ohne COVID-19.&amp;raquo;&#xA;&#xA;&amp;laquo;Die verfügbaren Studien zur Transmission weisen darauf hin, dass Kinder und Jugendliche eine untergeordnete Rolle bei der Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 spielen.&amp;raquo;&#xA;&#xA;&amp;laquo;Studienergebnisse wie diese legen nahe, dass es unwahrscheinlich ist, dass Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle für das Infektionsgeschehen in der Pandemie spielen.&amp;raquo;&#xA;&#xA;(Dass die obige Auswahl keine Rosinenpickerei darstellt, kann schnell anhand des kurzen Fazits der STIKO im Abschnitt 3.4 auf S. 25 selbst nachvollzogen werden.)&#xA;&#xA;Unter dem Strich stellt die STIKO also fest, dass das Gesundheitsrisiko von COVID-19 für Kinder und Jugendliche eher gering ist und dass diese Altersgruppe vergleichsweise wenig zur Verbreitung von Sars-Cov-2 beiträgt. Insbesondere vor diesem Hintergund wäre zu fordern, dass der Nutzen der empfohlenen Impfung beträchtlich sein muss, da ja das mittel- und langfristige Risiko der Impfung aufgrund des beschleunigten Zulassungsverfahrens unbekannt ist (Fußnote 2). Nicht von ungefähr sind alle derzeit in Deutschland eingesetzten Impfstoffen nur &amp;laquo;bedingt&amp;raquo; zugelassen, weil die Hersteller zugunsten der sofortigen Verfügbarkeit weniger umfangreiche Daten als normalerweise erforderlich vorlegen mussten. (In den USA hat die FDA unverständlicherweise gerade die reguläre Zulassung des Pfizer/BioNTech Impfstoffs erteilt [2].)&#xA;&#xA;Nutzen und Risiken der Impfung für Kinder und Jugendliche&#xA;&#xA;Wie groß sind also Nutzen und Risiken der Impfung? Hier unterscheidet die STIKO in ihrer Begründung den direkten Nutzen für die Geimpften selbst und den indirekten Nutzen im Hinblick auf die prognostizierte Gesamtentwicklung des Infektionsgeschehens. Die STIKO bezieht sich bei ihrer Bewertung in erster Linie auf die klinische Phase 2/3-Studie von Pfizer/BioNTech, in der 1005 Kindern und Jugendlichen der Impfstoff und 978 ein Placebo verabreicht wurden [3]. Als primärer Endpunkt (die wichtigste gemessene Zielgröße) wurde das Auftreten einer COVID-19 Erkrankung (unabhängig vom Schweregrad) im Beobachtungszeitraum von zwei bis drei Monaten definiert. Im Ergebnis wurden in der Placebo-Gruppe 16 Erkrankungen verzeichnet und keine in der Wirkstoffgruppe. Dies entspricht rechnerisch einer relativen Risikoreduktion (RRR) von 100&amp;nbsp;% (0 geteilt durch 16).&#xA;&#xA;Die folgende Abbildung illustriert das Ergebnis der Studie grafisch.&#xA;&#xA;Abbildung-Pfizer-Impfstoff-vs-Placebo&#xA;&#xA;smallAbbildung: Ergebnisse der Pfizer/BioNTech Studienergebnisse für Kinder und Jugendliche im Überblick (Impfgruppe links, Placebogruppe rechts). Jedes Kästchen symbolisiert eine Person. Gelbe Kästchen sind Test-positiv./small&#xA;&#xA;Entgegen einschlägiger Empfehlungen verwendet die STIKO ausschließlich die relative Risikoreduktion als Indikator für die Wirksamkeit des Impfstoffs [4]. Da die relative Risikoreduktion aber insbesondere bei geringer Erkrankungshäufigkeit ein stark verzerrtes Bild zeichnen kann, ist es wichtig, auch die absolute Risikoreduktion (ARR) mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Der kritische Punkt ist, dass die ARR die Grundwahrscheinlichkeit der Erkrankung in der Population berücksichtigt, während die RRR nur die Erkrankungsfälle selbst zueinander in Beziehung setzt. So ergibt sich im vorliegenden Fall lediglich eine absolute Risikoreduktion von ARR = 1,6 % (1,6 % minus 0 %). Dieser Kennwert ist offensichtlich weniger eindrucksvoll zu kommunizieren als die RRR von 100 %. Dass die RRR aber allein kein sinnvolles Maß für die Wirksamkeit sein kann, wird unmittelbar deutlich, wenn man bedenkt, dass sich dieser Wert unabhängig von der Stichprobengröße immer ergibt, wenn in der Impfstoffgruppe keine positiven Fälle auftreten.&#xA;&#xA;Der Kehrwert der absoluten Risikoreduktion wird auch numbers-needed-to-treat (NNT) oder im Impfkontext numbers-needed-to-vaccine (NNV) genannt und kann als die Anzahl Personen interpretiert werden, die geimpft werden müssen, um einen Erkrankungsfall zu verhindern. Im Fall Pfizer/BioNTech ist NNV = 1/0,016 = 65,5. Demnach hätten im Beobachtungszeitraum rund 65 Personen geimpft werden müssen, um einen COVID-19 Fall zu verhindern.&#xA;&#xA;Während eine relative Risikoreduktion von 100 % sicherlich eine hohe Wirksamkeit suggeriert, könnte man eine absolute Risikoreduktion von 1,6 % durchaus auch als eher geringe Wirksamkeit werten (Fußnote 3). Weiterhin sollte man berücksichtigen, dass die Studie keine Aussagen über die Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen treffen kann. Diese sind so selten, dass sie im Rahmen der Studie nicht auftraten. Letztlich könnte man also die Ergebnisse zur Effektivität auch so beschreiben: 1000 Impfungen verhinderten das Auftreten von 16 milde verlaufenden Atemwegserkrankungen.&#xA;&#xA;Diesem Ausgang stehen die durch die Impfung verursachten Nebenwirkungen gegenüber, die glücklicherweise ebenfalls als überwiegend mild bezeichnet werden können. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden als Folge der Impfung nicht beobachtet. Allerdings stellt die STIKO auch klar, &amp;laquo;Bei kurzer Nachbeobachtungszeit und relativ kleinen Studienpopulationen können sehr seltene Nebenwirkungen in den Zulassungsstudien nicht sicher erkannt werden&amp;raquo;. Ergänzend muss wieder darauf hingewiesen werden, dass keine Daten zu Langzeitnebenwirkungen existieren (können). Dass es sich bei mRNA-Impfstoffen um eine bislang nie am Menschen – geschweige denn am heranwachsenden Menschen – eingesetzte Technologie handelt, sollte mit besonderem Gewicht in die Bewertung einfließen. Leider verliert die STIKO hierzu kein Wort.&#xA;&#xA;Indirekter Nutzen der Impfung&#xA;&#xA;Zur Untersuchung der Effekte der Impfung auf Bevölkerungsebene wurden mathematische Modellierungen durchgeführt. Ohne den Nutzen solcher Modelle grundsätzlich infrage zu stellen, sollte man bei der Interpretation stets berücksichtigen, dass die jeweiligen Vorhersagen durchaus sehr weit daneben liegen können und in Bezug auf COVID-19 auch oft lagen [5]. Aber selbst wenn das Modell der STIKO ausgesprochen zuverlässig sein sollte, können die Ergebnisse trotzdem kritisch interpretiert werden. Die STIKO schreibt in ihrem Fazit zur Modellierung:&#xA;&#xA;&amp;laquo;Unter der Annahme einer Impfquote von 50 % unter gesunden 12 – 17-Jährigen Kindern (und einer Impfquote von 75 % bei den Erwachsenen) könnten geschätzt 37 % der Meldefälle (symptomatische und asymptomatische Fälle), 36 % der Hospitalisierungen und 36 % der intensivmedizinisch versorgten Fälle in der Altersgruppe 12 – 17 Jahre im Zeitraum August bis Dezember 2021 zusätzlich verhindert werden.&amp;raquo;&#xA;&#xA;Dies klingt zunächst in relativen Zahlen wieder sehr eindrucksvoll. In absoluten Zahlen entspricht aber beispielsweise die angeführte 36-prozentige Reduktion der intensivmedizinisch versorgten Fälle lediglich 36 Personen (S. 39, Tabelle 14). Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland rund 4,5 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren (Stichtag 31.12.2020). Nach der Modellrechnung würde also die Impfung von gut 2 Millionen Kindern und Jugendlichen dazu führen, dass 36 Personen weniger intensivmedizinisch betreut werden müssten. Selbstverständlich steht hinter jedem realen Fall ein individuelles Schicksal, aber in der Gesamtbetrachtung von Nutzen und Risiken scheint die Verhältnismäßigkeit doch zumindest fraglich. Fairerweise muss man zugestehen, dass die STIKO darauf hinweist, dass die prognostizierten absoluten Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind und dass die Modelle in erster Linie dazu dienen, den Effekt verschiedener Impfquoten zu vergleichen (S. 39). Diese Argumentation führt aber letztlich zu der unspektakulären Erkenntnis, dass höhere Impfquoten mit niedrigeren Infektionszahlen einhergehen. Die Angabe absoluter Zahlen ist wichtig, um zumindest die ungefähre Größenordnung der Effekte besser einschätzen zu können.&#xA;&#xA;Die Simulationsrechnungen zeigen also, dass (a) höhere Impfquoten mehr Infektionen verhindern als niedrige Impfquoten, aber (b) in absoluten Zahlen nur wenige schwere Verläufe verhindert werden. Da ersteres trivial und letzteres eine Folge der insgesamt seltenen schweren Verläufe ist, können die Simulationen wenig zur Entscheidungsfindung beitragen.&#xA;&#xA;Zusammenschau&#xA;&#xA;Die wesentlichen Fakten, mit der die STIKO ihre Empfehlung begründet, lassen sich damit in zwei Punkte kondensieren: &#xA;&#xA;COVID-19 ist für die überwiegende Mehrheit gesunder Kinder und Jugendlicher nicht gefährlich, aber es gibt auch sehr seltene, schwere Verläufe.&#xA;Die Impfung ist kurzfristig gut verträglich, aber mittel- und langfristige Folgen sind unbekannt.&#xA;&#xA;Aus meiner persönlichen Sicht sind nun die wesentlichen Aspekte für eine Abwägung einerseits der Nutzen in Hinblick auf schwere Verläufe und andererseits die Risiken durch mögliche Spätfolgen. Die Tatsache, dass die STIKO in ihrer Begründung mittel- und langfristige Folgen lapidar mit dem Hinweis auf fehlende Daten ausblendet, ist mehr als ärgerlich. Man geht an dieser elementaren Stelle per se von einem best case Szenario aus. Da aber der Schutz von sich in der Entwicklung befindenden Kindern und Jugendlichen höchsten Stellenwert haben sollte, ist diese Form strategischer Ignoranz unangemessen.&#xA;&#xA;Unabhängigkeit der Wissenschaft&#xA;&#xA;Die von der STIKO angeführten Daten könnten also nach den obigen Betrachtungen auch verwendet werden, um die allgemeine Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht zu empfehlen. Warum man sich für die Empfehlung entschieden hat, lässt sich von außen natürlich nicht beantworten. Aus wissenschaftlicher Perspektive erscheint es aber bedenklich, dass ein STIKO-Mitglied bereits im Vorfeld der offiziellen Empfehlung mit der Aussage zitiert wurde, &amp;laquo;Wir werden versuchen, der Politik ein bisschen entgegenzukommen&amp;raquo; [6].&#xA;&#xA;Unbenommen der Möglichkeit, dass dieses Zitat aus dem Kontext gerissen sein könnte (das entsprechende Interview des RBB scheint nicht mehr abrufbar zu sein), ist auf das &amp;laquo;unabhängige Expertengremium&amp;raquo; zweifellos massiver politischer Druck ausgeübt worden, nachdem die Impfung von Kindern und Jugendlichen zunächst nicht empfohlen wurde. So bezeichnete etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Mitglieder der STIKO groteskerweise als &amp;laquo;ehrenamtliche Amateure&amp;raquo; [7]. Im gleichen Beitrag verwies Ministerpräsident Söder auf eine dubiose &amp;laquo;Mehrzahl von Experten&amp;raquo; und bemängelte ein &amp;laquo;Hinundher&amp;raquo; bei den STIKO Empfehlungen zum Impfstoff von AstraZeneca.&#xA;&#xA;Diese Posse verdeutlicht zum Einen das Verhältnis von Politik zur beratenden Wissenschaft. Cairney (2021) weist darauf hin, dass mit, &amp;laquo;Folge der Wissenschaft!&amp;raquo; in der politischen Praxis in der Regel gemeint ist, &amp;laquo;Folge unseren Experten!&amp;raquo; – d.h. denjenigen, die unserer Meinung sind und sich den Regeln des politischen Spiels unterwerfen [8]. Zum Anderen kommt in Ministerpräsident Söders Äußerungen ein zweifelhaftes Verständnis von Wissenschaft zum Ausdruck. Das angeprangerte Hinundher ist ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Bestehende Ansichten im Lichte neuer Erkenntnisse zu hinterfragen, steht im Zentrum wissenschaftlichen Arbeitens. Die ständige Bereitschaft zu irren, unterscheidet die Wissenschaft von religiösen oder anderen absolutistischen Glaubenssystemen. Der Wunsch nach einer Mehrheit von Experten, die die eigene Auffassung teilen, ist nachvollziehbar. Es ist aber nicht die Aufgabe von Wissenschaftler\innen, für die Politik eine Mehrheitsmeinung zu erzeugen und politische Entscheidungen zu fällen. Wenn dem so wäre, bräuchte man keine Politiker\innen.&#xA;br&#xA;br&#xA;hr&#xA;&#xA;Fußnoten&#xA;&#xA;a id=&#34;footnote-01&#34;Fußnote 1)/a&#xA;&#xA;Um eine relativ abstrakte Zahl wie die oben angegebene Mortalität von 0,17 Todesfällen pro 100.000 Kinder und Jugendliche mit etwas Kontext zu versehen, hier eine Auswahl von Todesursachen in der Altersgruppe unter 20 Jahren aus dem Jahr 2019:&#xA;&#xA;| Todesursache (nach ICD-10) | Todesfälle pro 100.000 |&#xA;|-----------------------------------------------------------|-------------------------|&#xA;| Insgesamt | 28,90 |&#xA;| Best. Zustände mit Ursprung in der Perinatalperiode &amp;nbsp;| 8,83 |&#xA;| Bösartige Neubildungen (BN) | 2,41 |&#xA;| Transportmittelunfälle | 1,59 |&#xA;| Leukämie | 0,53 |&#xA;| Ertrinken und Untergehen | 0,33 |&#xA;| Akzid. Vergiftung: schädl. Substanzen (inkl. Exp.) | 0,17 |&#xA;| Stürze | 0,16 |&#xA;| Pneumonie | 0,13 |&#xA;| Grippe | 0,10 |&#xA;&#xA;small(Datenquelle: Statistisches Bundesamt; eigene Berechnung)/small&#xA;&#xA;Demnach werden bei den unter Zwanzigjährigen durch COVID-19 ähnlich viele Todesfälle verursacht wie durch versehentliche Vergiftungen und Stürze. Doppelt so viele Kinder und Jugendliche ertrinken und zehnmal mehr sterben durch Verkehrsunfälle.&#xA;&#xA;a id=&#34;footnote-02&#34;Fußnote 2)/a&#xA;&#xA;Im Hinblick auf die zukünftige Bewertung von Langzeitfolgen ist es hochproblematisch, dass im Zuge von Protokolländerungen geplant wurde, Probanden, die ursprünglich das Placebo herhalten hatten, vorzeitig in den Behandlungsarm der Studie wechseln zu lassen. Damit wird die Aussagekraft in Hinblick auf langfristige Effekte von vornherein massiv eingeschränkt.&#xA;&#xA;a id=&#34;footnote-03&#34;Fußnote 3)/a&#xA;&#xA;Die Aussagekraft der Daten zur Wirksamkeit wird zusätzlich durch einige ungünstige Eigenschaften des Studiendesigns und -ablaufs beeinträchtigt. Die Zuweisung der Probanden zur Impf- oder Placebo-Gruppe erfolgte zwar randomisiert, aber nicht doppelt verblindet. Während die Prüfärzt\innen protokollgemäß wussten, was sie verabreichten, waren die Probanden in der Theorie blind gegenüber der Behandlungsform. Da jedoch das Nebenwirkungsspektrum von Impfstoff und NaCl-Lösung sehr unterschiedlich ist, kann angenommen werden, dass zumindest ein Teil der Probanden beider Gruppen einen gut begründeten Verdacht über die eigene Gruppenzugehörigkeit gehabt haben könnte. Diese mögliche, ungewollte Entblindung ist besonders deswegen problematisch, da die Erfassung des primären Endpunktes des Studie (COVID-19 Diagnose) durch die Meldeprozedur verzerrt werden konnte (reporting bias). Probanden mussten sich beim Auftreten bestimmter Krankheitymptome selbstständig im Prüfzentrum melden. In Absprache mit dem Prüfzentrum wurde dann ein PCR-Test veranlasst oder auch nicht. Gerade bei einer Erkrankung, die mit überwiegend milden Verläufen einhergeht, kann nicht ausgeschlossen werden, das die Bereitschaft, Symptome zu melden und sich testen zu lassen, vom Wissen über die Behandlungsform beeinflusst wird. Ergebnisverzerrungen durch Entblindung sind keine Seltenheit und können erheblich sein. In einem Vergleich von klinischen Studien mit und ohne Verblindung der Probanden fanden Hróbjartsson et al. (2014), dass die gemessenen Effekte in Studien ohne Verblindung durchschnittlich 112 % größer ausfielen [9]. Da die Gesamtzahl positiver Fälle in der Studie von Pfizer/BioNTech (n = 16) sehr gering ist, könnte bereits eine Handvoll nicht gemeldeter Fälle in der Impfgruppe die geschätzte Effektivität signifikant verringern.&#xA;&#xA;hr&#xA;&#xA;Quellen&#xA;&#xA;a id = &#34;Q01&#34;[1] Wissenschaftliche Begründung der STIKO für die Empfehlung zur Impfung gegen COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen von 12 – 17 Jahren. Epidemiologisches Bulletin, 33/2021, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/33_21.pdf/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q02&#34;[2] FDA Pressemitteilung, https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-first-covid-19-vaccine (letzter Zugriff 29.08.2021)/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q03&#34;[3] Frenck, R. W., Klein, N. P., Kitchin, N., Gurtman, A., Absalon, J., Lockhart, S., Perez, J. L., Walter, E. B., Senders, S., Bailey, R., Swanson, K. A., Ma, H., Xu, X., Koury, K., Kalina, W. V., Cooper, D., Jennings, T., Brandon, D. M., Thomas, S. J., … Gruber, W. C. (2021). Safety, Immunogenicity, and Efficacy of the BNT162b2 Covid-19 Vaccine in Adolescents. New England Journal of Medicine, 385(3), 239–250. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2107456/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q04&#34;[4] Communicating Risks and Benefits: An Evidence-Based User’s Guide is available on FDA’s Website at http://www.fda.gov/ScienceResearch/SpecialTopics/RiskCommunication/default.htm/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q05&#34;[5] Ioannidis, J. P. A., Cripps, S., &amp; Tanner, M. A. (2020). Forecasting for COVID-19 has failed. International Journal of Forecasting. https://doi.org/10.1016/j.ijforecast.2020.08.004/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q06&#34;[6] Bericht in der ÄrzteZeitung, https://www.aerztezeitung.de/Politik/Neues-STIKO-Votum-zu-Kinderimpfung-gegen-Corona-in-Kuerze-421981.html (letzter Zugriff 29.08.2021)/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q07&#34;[7] BR24 Interviewausschnitt auf Youtube, https://youtu.be/Ar46vXEwgRc (letzter Zugriff 29.08.2021)/a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q08&#34;[8] Cairney, P. (2021). The UK Government’s COVID-19 Policy: What Does “Guided by the Science” Mean in Practice? Frontiers in Political Science, 3, 11. https://doi.org/10.3389/fpos.2021.624068 /a&#xA;&#xA;a id = &#34;Q09&#34;[9] Hróbjartsson, A., Emanuelsson, F., Skou Thomsen, A. S., Hilden, J., &amp; Brorson, S. (2014). Bias due to lack of patient blinding in clinical trials. A systematic review of trials randomizing patients to blind and nonblind sub-studies. International Journal of Epidemiology, 43(4), 1272–1283. https://doi.org/10.1093/ije/dyu115/a&#xA;&#xA;hr&#xA;&#xA;a id=&#34;summary&#34;English summary/a&#xA;&#xA;A Comment on the German Standing Committee on Vaccination&#39;s recommendation of mRNA vaccines for childrem from the age of 12&#xA;&#xA;Since August 18, 2021, the STIKO, – i.e. the Standing Committee on Vaccination, an independent advisory board of the German Robert-Koch-Institut (the equivalent of the CDC in the USA), – recommends mRNA COVID-19 vaccines for all German children and adolescents from the age of twelve. Supposedly, new empirical evidence and modeling work led to this change of heart. In this commentary I argue that the evidence presented by the STIKO could equally well be used to not recommend the vaccination of healthy children.&#xA;&#xA;Selected statements from the STIKO report:&#xA;&#xA;In children, the course of the disease is mostly asymptomatic, mild, or moderate.&#xA;Hospitalisation and death due to the disease are very rare. The mortality rate is low at 0.17/100,000..&#xA;Children play a minor role for the spread of the disease.&#xA;The available vaccines are highly effciant and are not associated with severe adverse events.&#xA;Medium and long-term effects of the vaccines are unknown.&#xA;Modeling shows that the vaccination of children would have significant beneficial direct effects (protection of the vaccined) and indirect effects (e.g., lowering the number of hospitalisations) at population level.&#xA;&#xA;Reviewing the epidemiological evidence, it seems uncontroversial that for the majority of children, COVID-19 does not pose a significant risk. In addition, children seem to be less infectious than adults. Regarding the vaccines, an efficacy of 100 % has been reported and no serious side-effects are known to date. This is controversial for a several reasons. Firstly, the efficacy is only reported as reduction of relative risks, although it is good practise to report absolute risks. For the Pfizer/BioNTech vaccine the absolute risk reduction is only 1.6 %. The main result of the vaccine trial (depicted in the figure) could thus be communicated in a much less impressive way, namely that 1000 children had to be vaccinated to prevent a mild respiratory illness in 16 children. Further criticism can be put forward concerning the definition of the study&#39;s primary endpoint (mild symptoms plus positive PCR-test instead of a clinical diagnosis of severe illness) as well as the study design (possible reporting bias and accidental unblinding). Secondly, the strategic ignorance of potential long-term effects of the vaccines is unacceptable. The vaccines&#39; approval by the EMA ist conditional for a reason, namely because there is only limited data on efficacy and safety available. Due to the speeded development and testing there simply cannot be any knowledge about long-term effects – epecially not in developing children. This valid and most important argument is absent in the STIKO report. Since COVID-19 is not dangerous for most children, it must be mandatory to take any possible harm of the vaccine into consideration!&#xA;&#xA;The modeling data presented by the STIKO points to a significant reduction of cases in relative terms but, again, in absolute terms the effects are much less impressive. According to the most extensive model (50 % vaccinated) the vaccination of 2 million children (age 12–17) would prevent the hospitalisation of 36 patients. These numbers, again, reflect the low base rate of severe outcomes of COVID-19 in children.&#xA;&#xA;Consequently, the data presented could (or should) have led to the decision to maintain the STIKO&#39;s former recommendation – to not* vaccinate healthy children. In the last part of the commentary I discuss political pressure on the STIKO which poses a general threat to scientific independence.&#xA;]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2 id="unsere-experten" id="unsere-experten">Unsere Experten</h2>

<h3 id="ein-kommentar-zur-impfempfehlung-der-stiko-für-kinder-ab-12-jahren" id="ein-kommentar-zur-impfempfehlung-der-stiko-für-kinder-ab-12-jahren">– Ein Kommentar zur Impfempfehlung der StiKo für Kinder ab 12 Jahren –</h3>

<p><small>Verfasst am 29.08.2021 (<a href="#summary">English summary</a> at the end of the article)</small></p>

<p><em>«Die STIKO empfiehlt für alle 12 – 17-Jährigen die COVID-19-Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs [...].»</em></p>

<p>In der <a href="https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/33_21.pdf">Ausgabe 33/2021 des Epidemiologischen Bulletins</a> begründet die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre aktualisierte COVID-19 Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche <a href="#Q01">[1]</a>. Die geänderte Empfehlung beruht demnach auf der Bewertung neuer quantitativer Daten und Modellen. Im folgenden Text stelle ich dar, dass die angeführten Daten mindestens ebenso gut geeignet wären, die Impfung <em>nicht</em> zu empfehlen.</p>

<h3 id="risiko-von-covid-19-für-kinder-und-jugendliche" id="risiko-von-covid-19-für-kinder-und-jugendliche">Risiko von COVID-19 für Kinder und Jugendliche</h3>

<p>Zur Einschätzung des Risikos der Erkrankung zunächst einige ausgewählte Textpassagen zur Epidemiologie von COVID-19 im Wortlaut:</p>
<ul><li><p>«<em>Obwohl schwere COVID-19-Erkrankungen auch im Kindes- und Jugendalter vorkommen können, zeigt der überwiegende Teil einen asymptomatischen oder milden bzw. moderaten Infektionsverlauf von ein- bis zweiwöchiger Dauer.</em>»</p></li>

<li><p>«<em>Die Mortalität von COVID-19 [...] bei 0 – 19-Jährigen [...] beträgt 0,17/100.000 Einwohner.</em>» <a href="#footnote-01">(Fußnote 1)</a></p></li>

<li><p>«<em>Die Hospitalisierungsinzidenz und Todesfallzahl für COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 – 17 Jahren liegen auf einem vergleichbar niedrigen Niveau wie die Hospitalisierungsinzidenzen (Spanne: 1 – 26/100.000) und Todesfallzahlen (1 – 14) für Influenza in den Saisons 2009/2010 bis 2018/2019.</em>»</p></li>

<li><p>«<em>In der Auswertung zeigte sich, dass Kinder mit COVID-19 nicht häufiger von Spätfolgen betroffen waren als Kinder ohne COVID-19.</em>»</p></li>

<li><p>«<em>Die verfügbaren Studien zur Transmission weisen darauf hin, dass Kinder und Jugendliche eine untergeordnete Rolle bei der Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 spielen.</em>»</p></li>

<li><p>«<em>Studienergebnisse wie diese legen nahe, dass es unwahrscheinlich ist, dass Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle für das Infektionsgeschehen in der Pandemie spielen.</em>»</p></li></ul>

<p>(Dass die obige Auswahl keine Rosinenpickerei darstellt, kann schnell anhand des kurzen Fazits der STIKO im Abschnitt 3.4 auf S. 25 selbst nachvollzogen werden.)</p>

<p>Unter dem Strich stellt die STIKO also fest, dass das Gesundheitsrisiko von COVID-19 für Kinder und Jugendliche eher gering ist und dass diese Altersgruppe vergleichsweise wenig zur Verbreitung von Sars-Cov-2 beiträgt. Insbesondere vor diesem Hintergund wäre zu fordern, dass der Nutzen der empfohlenen Impfung beträchtlich sein muss, da ja das mittel- und langfristige Risiko der Impfung aufgrund des beschleunigten Zulassungsverfahrens unbekannt ist <a href="#footnote-02">(Fußnote 2)</a>. Nicht von ungefähr sind alle derzeit in Deutschland eingesetzten Impfstoffen nur «bedingt» zugelassen, weil die Hersteller zugunsten der sofortigen Verfügbarkeit weniger umfangreiche Daten als normalerweise erforderlich vorlegen mussten. (In den USA hat die FDA unverständlicherweise gerade die <a href="https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-first-covid-19-vaccine">reguläre Zulassung</a> des Pfizer/BioNTech Impfstoffs erteilt <a href="#Q02">[2]</a>.)</p>

<h3 id="nutzen-und-risiken-der-impfung-für-kinder-und-jugendliche" id="nutzen-und-risiken-der-impfung-für-kinder-und-jugendliche">Nutzen und Risiken der Impfung für Kinder und Jugendliche</h3>

<p>Wie groß sind also Nutzen und Risiken der Impfung? Hier unterscheidet die STIKO in ihrer Begründung den <em>direkten</em> Nutzen für die Geimpften selbst und den <em>indirekten</em> Nutzen im Hinblick auf die prognostizierte Gesamtentwicklung des Infektionsgeschehens. Die STIKO bezieht sich bei ihrer Bewertung in erster Linie auf die klinische Phase 2/3-Studie von Pfizer/BioNTech, in der 1005 Kindern und Jugendlichen der Impfstoff und 978 ein Placebo verabreicht wurden <a href="#Q03">[3]</a>. Als primärer Endpunkt (die wichtigste gemessene Zielgröße) wurde das Auftreten einer COVID-19 Erkrankung (unabhängig vom Schweregrad) im Beobachtungszeitraum von zwei bis drei Monaten definiert. Im Ergebnis wurden in der Placebo-Gruppe 16 Erkrankungen verzeichnet und keine in der Wirkstoffgruppe. Dies entspricht rechnerisch einer relativen Risikoreduktion (RRR) von 100 % (0 geteilt durch 16).</p>

<p>Die folgende Abbildung illustriert das Ergebnis der Studie grafisch.</p>

<p><img src="https://i.snap.as/gZBuH2bF.png" alt="Abbildung-Pfizer-Impfstoff-vs-Placebo"/></p>

<p><small>Abbildung: Ergebnisse der Pfizer/BioNTech Studienergebnisse für Kinder und Jugendliche im Überblick (Impfgruppe links, Placebogruppe rechts). Jedes Kästchen symbolisiert eine Person. Gelbe Kästchen sind Test-positiv.</small></p>

<p>Entgegen einschlägiger Empfehlungen verwendet die STIKO ausschließlich die <a href="https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/relative-risiko-reduktion">relative Risikoreduktion</a> als Indikator für die Wirksamkeit des Impfstoffs <a href="#Q04">[4]</a>. Da die relative Risikoreduktion aber insbesondere bei geringer Erkrankungshäufigkeit ein stark verzerrtes Bild zeichnen kann, ist es wichtig, auch die <a href="https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/absolute-risiko-reduktion#search=a54168f0f9bc4d9b365ef83896383380&amp;offset=0">absolute Risikoreduktion</a> (ARR) mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Der kritische Punkt ist, dass die ARR die Grundwahrscheinlichkeit der Erkrankung in der Population berücksichtigt, während die RRR nur die Erkrankungsfälle selbst zueinander in Beziehung setzt. So ergibt sich im vorliegenden Fall lediglich eine absolute Risikoreduktion von ARR = 1,6 % (1,6 % minus 0 %). Dieser Kennwert ist offensichtlich weniger eindrucksvoll zu kommunizieren als die RRR von 100 %. Dass die RRR aber allein kein sinnvolles Maß für die Wirksamkeit sein kann, wird unmittelbar deutlich, wenn man bedenkt, dass sich dieser Wert unabhängig von der Stichprobengröße immer ergibt, wenn in der Impfstoffgruppe keine positiven Fälle auftreten.</p>

<p>Der Kehrwert der absoluten Risikoreduktion wird auch <a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Number_needed_to_treat"><em>numbers-needed-to-treat (NNT)</em></a> oder im Impfkontext <em>numbers-needed-to-vaccine</em> (NNV) genannt und kann als die Anzahl Personen interpretiert werden, die geimpft werden müssen, um einen Erkrankungsfall zu verhindern. Im Fall Pfizer/BioNTech ist NNV = 1/0,016 = 65,5. Demnach hätten im Beobachtungszeitraum rund 65 Personen geimpft werden müssen, um einen COVID-19 Fall zu verhindern.</p>

<p>Während eine relative Risikoreduktion von 100 % sicherlich eine hohe Wirksamkeit suggeriert, könnte man eine absolute Risikoreduktion von 1,6 % durchaus auch als eher geringe Wirksamkeit werten <a href="#footnote-03">(Fußnote 3)</a>. Weiterhin sollte man berücksichtigen, dass die Studie keine Aussagen über die Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen treffen kann. Diese sind so selten, dass sie im Rahmen der Studie nicht auftraten. Letztlich könnte man also die Ergebnisse zur Effektivität auch so beschreiben: 1000 Impfungen verhinderten das Auftreten von 16 milde verlaufenden Atemwegserkrankungen.</p>

<p>Diesem Ausgang stehen die durch die Impfung verursachten Nebenwirkungen gegenüber, die glücklicherweise ebenfalls als überwiegend mild bezeichnet werden können. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden als Folge der Impfung nicht beobachtet. Allerdings stellt die STIKO auch klar, «<em>Bei kurzer Nachbeobachtungszeit und relativ kleinen Studienpopulationen können sehr seltene Nebenwirkungen in den Zulassungsstudien nicht sicher erkannt werden</em>». Ergänzend muss wieder darauf hingewiesen werden, dass keine Daten zu Langzeitnebenwirkungen existieren (können). Dass es sich bei mRNA-Impfstoffen um eine bislang nie am Menschen – geschweige denn am heranwachsenden Menschen – eingesetzte Technologie handelt, sollte mit besonderem Gewicht in die Bewertung einfließen. Leider verliert die STIKO hierzu kein Wort.</p>

<h3 id="indirekter-nutzen-der-impfung" id="indirekter-nutzen-der-impfung">Indirekter Nutzen der Impfung</h3>

<p>Zur Untersuchung der Effekte der Impfung auf Bevölkerungsebene wurden mathematische Modellierungen durchgeführt. Ohne den Nutzen solcher Modelle grundsätzlich infrage zu stellen, sollte man bei der Interpretation stets berücksichtigen, dass die jeweiligen Vorhersagen durchaus sehr weit daneben liegen können und in Bezug auf COVID-19 auch oft lagen <a href="#Q05">[5]</a>. Aber selbst wenn das Modell der STIKO ausgesprochen zuverlässig sein sollte, können die Ergebnisse trotzdem kritisch interpretiert werden. Die STIKO schreibt in ihrem Fazit zur Modellierung:</p>

<p>«<em>Unter der Annahme einer Impfquote von 50 % unter gesunden 12 – 17-Jährigen Kindern (und einer Impfquote von 75 % bei den Erwachsenen) könnten geschätzt 37 % der Meldefälle (symptomatische und asymptomatische Fälle), 36 % der Hospitalisierungen und 36 % der intensivmedizinisch versorgten Fälle in der Altersgruppe 12 – 17 Jahre im Zeitraum August bis Dezember 2021 zusätzlich verhindert werden.</em>»</p>

<p>Dies klingt zunächst in relativen Zahlen wieder sehr eindrucksvoll. In absoluten Zahlen entspricht aber beispielsweise die angeführte 36-prozentige Reduktion der intensivmedizinisch versorgten Fälle lediglich 36 Personen (S. 39, Tabelle 14). Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland rund 4,5 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren (Stichtag 31.12.2020). Nach der Modellrechnung würde also die Impfung von gut 2 Millionen Kindern und Jugendlichen dazu führen, dass 36 Personen weniger intensivmedizinisch betreut werden müssten. Selbstverständlich steht hinter jedem realen Fall ein individuelles Schicksal, aber in der Gesamtbetrachtung von Nutzen und Risiken scheint die Verhältnismäßigkeit doch zumindest fraglich. Fairerweise muss man zugestehen, dass die STIKO darauf hinweist, dass die prognostizierten absoluten Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind und dass die Modelle in erster Linie dazu dienen, den Effekt verschiedener Impfquoten zu vergleichen (S. 39). Diese Argumentation führt aber letztlich zu der unspektakulären Erkenntnis, dass höhere Impfquoten mit niedrigeren Infektionszahlen einhergehen. Die Angabe absoluter Zahlen ist wichtig, um zumindest die ungefähre Größenordnung der Effekte besser einschätzen zu können.</p>

<p>Die Simulationsrechnungen zeigen also, dass (a) höhere Impfquoten mehr Infektionen verhindern als niedrige Impfquoten, aber (b) in absoluten Zahlen nur wenige schwere Verläufe verhindert werden. Da ersteres trivial und letzteres eine Folge der insgesamt seltenen schweren Verläufe ist, können die Simulationen wenig zur Entscheidungsfindung beitragen.</p>

<h3 id="zusammenschau" id="zusammenschau">Zusammenschau</h3>

<p>Die wesentlichen Fakten, mit der die STIKO ihre Empfehlung begründet, lassen sich damit in zwei Punkte kondensieren:</p>
<ol><li>COVID-19 ist für die überwiegende Mehrheit gesunder Kinder und Jugendlicher nicht gefährlich, aber es gibt auch sehr seltene, schwere Verläufe.</li>
<li>Die Impfung ist kurzfristig gut verträglich, aber mittel- und langfristige Folgen sind unbekannt.</li></ol>

<p>Aus meiner persönlichen Sicht sind nun die wesentlichen Aspekte für eine Abwägung einerseits der Nutzen in Hinblick auf schwere Verläufe und andererseits die Risiken durch mögliche Spätfolgen. Die Tatsache, dass die STIKO in ihrer Begründung mittel- und langfristige Folgen lapidar mit dem Hinweis auf fehlende Daten ausblendet, ist mehr als ärgerlich. Man geht an dieser elementaren Stelle per se von einem <em>best case</em> Szenario aus. Da aber der Schutz von sich in der Entwicklung befindenden Kindern und Jugendlichen höchsten Stellenwert haben sollte, ist diese Form strategischer Ignoranz unangemessen.</p>

<h3 id="unabhängigkeit-der-wissenschaft" id="unabhängigkeit-der-wissenschaft">Unabhängigkeit der Wissenschaft</h3>

<p>Die von der STIKO angeführten Daten könnten also nach den obigen Betrachtungen auch verwendet werden, um die allgemeine Impfung von Kindern und Jugendlichen <em>nicht</em> zu empfehlen. Warum man sich für die Empfehlung entschieden hat, lässt sich von außen natürlich nicht beantworten. Aus wissenschaftlicher Perspektive erscheint es aber bedenklich, dass ein STIKO-Mitglied bereits im Vorfeld der offiziellen Empfehlung mit der Aussage zitiert wurde, «<a href="https://www.aerztezeitung.de/Politik/Neues-STIKO-Votum-zu-Kinderimpfung-gegen-Corona-in-Kuerze-421981.html"><em>Wir werden versuchen, der Politik ein bisschen entgegenzukommen</em></a>» <a href="#Q06">[6]</a>.</p>

<p>Unbenommen der Möglichkeit, dass dieses Zitat aus dem Kontext gerissen sein könnte (das entsprechende Interview des RBB scheint nicht mehr abrufbar zu sein), ist auf das «unabhängige Expertengremium» zweifellos massiver politischer Druck ausgeübt worden, nachdem die Impfung von Kindern und Jugendlichen zunächst nicht empfohlen wurde. So bezeichnete etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die <a href="https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Mitgliedschaft/Mitglieder/mitglieder_node.html">Mitglieder der STIKO</a> groteskerweise als «<a href="https://youtu.be/Ar46vXEwgRc"><em>ehrenamtliche Amateure</em></a>» <a href="#Q07">[7]</a>. Im gleichen Beitrag verwies Ministerpräsident Söder auf eine dubiose «Mehrzahl von Experten» und bemängelte ein «Hinundher» bei den STIKO Empfehlungen zum Impfstoff von AstraZeneca.</p>

<p>Diese Posse verdeutlicht zum Einen das Verhältnis von Politik zur beratenden Wissenschaft. Cairney (2021) weist darauf hin, dass mit, «Folge der Wissenschaft!» in der politischen Praxis in der Regel gemeint ist, «Folge <em>unseren</em> Experten!» – d.h. denjenigen, die unserer Meinung sind und sich den Regeln des politischen Spiels unterwerfen <a href="#Q08">[8]</a>. Zum Anderen kommt in Ministerpräsident Söders Äußerungen ein zweifelhaftes Verständnis von Wissenschaft zum Ausdruck. Das angeprangerte Hinundher ist ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Bestehende Ansichten im Lichte neuer Erkenntnisse zu hinterfragen, steht im Zentrum wissenschaftlichen Arbeitens. Die ständige Bereitschaft zu irren, unterscheidet die Wissenschaft von religiösen oder anderen absolutistischen Glaubenssystemen. Der Wunsch nach einer Mehrheit von Experten, die die eigene Auffassung teilen, ist nachvollziehbar. Es ist aber nicht die Aufgabe von Wissenschaftler*innen, für die Politik eine Mehrheitsmeinung zu erzeugen und politische Entscheidungen zu fällen. Wenn dem so wäre, bräuchte man keine Politiker*innen.
<br>
<br>
<hr></p>

<h4 id="fußnoten" id="fußnoten">Fußnoten</h4>

<p><a id="footnote-01" id="footnote-01"><em>Fußnote 1)</em></a></p>

<p>Um eine relativ abstrakte Zahl wie die oben angegebene Mortalität von 0,17 Todesfällen pro 100.000 Kinder und Jugendliche mit etwas Kontext zu versehen, hier eine Auswahl von Todesursachen in der Altersgruppe unter 20 Jahren aus dem Jahr 2019:</p>

<table>
<thead>
<tr>
<th>Todesursache (nach ICD-10)</th>
<th>Todesfälle pro 100.000</th>
</tr>
</thead>

<tbody>
<tr>
<td>Insgesamt</td>
<td>28,90</td>
</tr>

<tr>
<td>Best. Zustände mit Ursprung in der Perinatalperiode  </td>
<td>8,83</td>
</tr>

<tr>
<td>Bösartige Neubildungen (BN)</td>
<td>2,41</td>
</tr>

<tr>
<td>Transportmittelunfälle</td>
<td>1,59</td>
</tr>

<tr>
<td>Leukämie</td>
<td>0,53</td>
</tr>

<tr>
<td>Ertrinken und Untergehen</td>
<td>0,33</td>
</tr>

<tr>
<td>Akzid. Vergiftung: schädl. Substanzen (inkl. Exp.)</td>
<td>0,17</td>
</tr>

<tr>
<td>Stürze</td>
<td>0,16</td>
</tr>

<tr>
<td>Pneumonie</td>
<td>0,13</td>
</tr>

<tr>
<td>Grippe</td>
<td>0,10</td>
</tr>
</tbody>
</table>

<p><small>(Datenquelle: <a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html">Statistisches Bundesamt</a>; eigene Berechnung)</small></p>

<p>Demnach werden bei den unter Zwanzigjährigen durch COVID-19 ähnlich viele Todesfälle verursacht wie durch versehentliche Vergiftungen und Stürze. Doppelt so viele Kinder und Jugendliche ertrinken und zehnmal mehr sterben durch Verkehrsunfälle.</p>

<p><a id="footnote-02" id="footnote-02"><em>Fußnote 2)</em></a></p>

<p>Im Hinblick auf die zukünftige Bewertung von Langzeitfolgen ist es hochproblematisch, dass im Zuge von Protokolländerungen geplant wurde, Probanden, die ursprünglich das Placebo herhalten hatten, vorzeitig in den Behandlungsarm der Studie wechseln zu lassen. Damit wird die Aussagekraft in Hinblick auf langfristige Effekte von vornherein massiv eingeschränkt.</p>

<p><a id="footnote-03" id="footnote-03"><em>Fußnote 3)</em></a></p>

<p>Die Aussagekraft der Daten zur Wirksamkeit wird zusätzlich durch einige ungünstige Eigenschaften des Studiendesigns und -ablaufs beeinträchtigt. Die Zuweisung der Probanden zur Impf- oder Placebo-Gruppe erfolgte zwar randomisiert, aber nicht doppelt verblindet. Während die Prüfärzt*innen protokollgemäß wussten, was sie verabreichten, waren die Probanden in der Theorie blind gegenüber der Behandlungsform. Da jedoch das Nebenwirkungsspektrum von Impfstoff und NaCl-Lösung sehr unterschiedlich ist, kann angenommen werden, dass zumindest ein Teil der Probanden beider Gruppen einen gut begründeten Verdacht über die eigene Gruppenzugehörigkeit gehabt haben könnte. Diese mögliche, ungewollte Entblindung ist besonders deswegen problematisch, da die Erfassung des primären Endpunktes des Studie (COVID-19 Diagnose) durch die Meldeprozedur verzerrt werden konnte (reporting bias). Probanden mussten sich beim Auftreten bestimmter Krankheitymptome selbstständig im Prüfzentrum melden. In Absprache mit dem Prüfzentrum wurde dann ein PCR-Test veranlasst oder auch nicht. Gerade bei einer Erkrankung, die mit überwiegend milden Verläufen einhergeht, kann nicht ausgeschlossen werden, das die Bereitschaft, Symptome zu melden und sich testen zu lassen, vom Wissen über die Behandlungsform beeinflusst wird. Ergebnisverzerrungen durch Entblindung sind keine Seltenheit und können erheblich sein. In einem Vergleich von klinischen Studien mit und ohne Verblindung der Probanden fanden Hróbjartsson et al. (2014), dass die gemessenen Effekte in Studien ohne Verblindung durchschnittlich 112 % größer ausfielen <a href="#Q09">[9]</a>. Da die Gesamtzahl positiver Fälle in der Studie von Pfizer/BioNTech (n = 16) sehr gering ist, könnte bereits eine Handvoll nicht gemeldeter Fälle in der Impfgruppe die geschätzte Effektivität signifikant verringern.</p>

<hr>

<h4 id="quellen" id="quellen">Quellen</h4>

<p><a id="Q01" id="Q01">[1] Wissenschaftliche Begründung der STIKO für die Empfehlung zur Impfung gegen COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen von 12 – 17 Jahren. Epidemiologisches Bulletin, 33/2021, <a href="https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/33_21.pdf">https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/33_21.pdf</a></a></p>

<p><a id="Q02" id="Q02">[2] FDA Pressemitteilung, <a href="https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-first-covid-19-vaccine">https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-first-covid-19-vaccine</a> (letzter Zugriff 29.08.2021)</a></p>

<p><a id="Q03" id="Q03">[3] Frenck, R. W., Klein, N. P., Kitchin, N., Gurtman, A., Absalon, J., Lockhart, S., Perez, J. L., Walter, E. B., Senders, S., Bailey, R., Swanson, K. A., Ma, H., Xu, X., Koury, K., Kalina, W. V., Cooper, D., Jennings, T., Brandon, D. M., Thomas, S. J., … Gruber, W. C. (2021). Safety, Immunogenicity, and Efficacy of the BNT162b2 Covid-19 Vaccine in Adolescents. New England Journal of Medicine, 385(3), 239–250. <a href="https://doi.org/10.1056/NEJMoa2107456">https://doi.org/10.1056/NEJMoa2107456</a></a></p>

<p><a id="Q04" id="Q04">[4] Communicating Risks and Benefits: An Evidence-Based User’s Guide is available on FDA’s Website at <a href="http://www.fda.gov/ScienceResearch/SpecialTopics/RiskCommunication/default.htm">http://www.fda.gov/ScienceResearch/SpecialTopics/RiskCommunication/default.htm</a></a></p>

<p><a id="Q05" id="Q05">[5] Ioannidis, J. P. A., Cripps, S., &amp; Tanner, M. A. (2020). Forecasting for COVID-19 has failed. International Journal of Forecasting. <a href="https://doi.org/10.1016/j.ijforecast.2020.08.004">https://doi.org/10.1016/j.ijforecast.2020.08.004</a></a></p>

<p><a id="Q06" id="Q06">[6] Bericht in der ÄrzteZeitung, <a href="https://www.aerztezeitung.de/Politik/Neues-STIKO-Votum-zu-Kinderimpfung-gegen-Corona-in-Kuerze-421981.html">https://www.aerztezeitung.de/Politik/Neues-STIKO-Votum-zu-Kinderimpfung-gegen-Corona-in-Kuerze-421981.html</a> (letzter Zugriff 29.08.2021)</a></p>

<p><a id="Q07" id="Q07">[7] BR24 Interviewausschnitt auf Youtube, <iframe allow="monetization" class="embedly-embed" src="//cdn.embedly.com/widgets/media.html?src=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fembed%2FAr46vXEwgRc&display_name=YouTube&url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DAr46vXEwgRc&image=http%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FAr46vXEwgRc%2Fhqdefault.jpg&key=d932fa08bf1f47efbbe54cb3d746839f&type=text%2Fhtml&schema=youtube" width="640" height="360" scrolling="no" title="YouTube embed" frameborder="0" allow="autoplay; fullscreen" allowfullscreen="true"></iframe> (letzter Zugriff 29.08.2021)</a></p>

<p><a id="Q08" id="Q08">[8] Cairney, P. (2021). The UK Government’s COVID-19 Policy: What Does “Guided by the Science” Mean in Practice? Frontiers in Political Science, 3, 11. <a href="https://doi.org/10.3389/fpos.2021.624068">https://doi.org/10.3389/fpos.2021.624068</a> </a></p>

<p><a id="Q09" id="Q09">[9] Hróbjartsson, A., Emanuelsson, F., Skou Thomsen, A. S., Hilden, J., &amp; Brorson, S. (2014). Bias due to lack of patient blinding in clinical trials. A systematic review of trials randomizing patients to blind and nonblind sub-studies. International Journal of Epidemiology, 43(4), 1272–1283. <a href="https://doi.org/10.1093/ije/dyu115">https://doi.org/10.1093/ije/dyu115</a></a></p>

<hr>

<p><a id="summary" id="summary">English summary</a></p>

<p><strong><em>A Comment on the German Standing Committee on Vaccination&#39;s recommendation of mRNA vaccines for childrem from the age of 12</em></strong></p>

<p>Since August 18, 2021, the STIKO, – i.e. the Standing Committee on Vaccination, an independent advisory board of the German Robert-Koch-Institut (the equivalent of the CDC in the USA), – recommends mRNA COVID-19 vaccines for all German children and adolescents from the age of twelve. Supposedly, new empirical evidence and modeling work led to this change of heart. In this commentary I argue that the evidence presented by the STIKO could equally well be used to <em>not</em> recommend the vaccination of healthy children.</p>

<p>Selected statements from the STIKO report:</p>
<ul><li>In children, the course of the disease is mostly asymptomatic, mild, or moderate.</li>
<li>Hospitalisation and death due to the disease are very rare. The mortality rate is low at 0.17/100,000..</li>
<li>Children play a minor role for the spread of the disease.</li>
<li>The available vaccines are highly effciant and are not associated with severe adverse events.</li>
<li>Medium and long-term effects of the vaccines are unknown.</li>
<li>Modeling shows that the vaccination of children would have significant beneficial direct effects (protection of the vaccined) and indirect effects (e.g., lowering the number of hospitalisations) at population level.</li></ul>

<p>Reviewing the epidemiological evidence, it seems uncontroversial that for the majority of children, COVID-19 does not pose a significant risk. In addition, children seem to be less infectious than adults. Regarding the vaccines, an efficacy of 100 % has been reported and no serious side-effects are known to date. This is controversial for a several reasons. Firstly, the efficacy is only reported as reduction of relative risks, although it is good practise to report absolute risks. For the Pfizer/BioNTech vaccine the absolute risk reduction is only 1.6 %. The main result of the vaccine trial (depicted in the figure) could thus be communicated in a much less impressive way, namely that 1000 children had to be vaccinated to prevent a mild respiratory illness in 16 children. Further criticism can be put forward concerning the definition of the study&#39;s primary endpoint (mild symptoms plus positive PCR-test instead of a clinical diagnosis of severe illness) as well as the study design (possible reporting bias and accidental unblinding). Secondly, the strategic ignorance of potential long-term effects of the vaccines is unacceptable. The vaccines&#39; approval by the EMA ist conditional for a reason, namely because there is only limited data on efficacy and safety available. Due to the speeded development and testing there simply cannot be any knowledge about long-term effects – epecially not in developing children. This valid and most important argument is absent in the STIKO report. Since COVID-19 is not dangerous for most children, it must be mandatory to take <em>any</em> possible harm of the vaccine into consideration!</p>

<p>The modeling data presented by the STIKO points to a significant reduction of cases in relative terms but, again, in absolute terms the effects are much less impressive. According to the most extensive model (50 % vaccinated) the vaccination of 2 million children (age 12–17) would prevent the hospitalisation of 36 patients. These numbers, again, reflect the low base rate of severe outcomes of COVID-19 in children.</p>

<p>Consequently, the data presented could (or should) have led to the decision to maintain the STIKO&#39;s former recommendation – to <em>not</em> vaccinate healthy children. In the last part of the commentary I discuss political pressure on the STIKO which poses a general threat to scientific independence.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://denkfoul.de/von-unabhangigen-experten-und-ehrenamtlichen-amateuren</guid>
      <pubDate>Thu, 02 Sep 2021 20:44:14 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>1.5 Wiederholungen: Zusammenschau</title>
      <link>https://denkfoul.de/1-5-wiederholungen-zusammenschau?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[1.5 Wiederholungen: Zusammenschau&#xA;&#xA;Die zentrale Botschaft dieses Kapitels ist, dass Wiederholungen wirken. Es ist daher nicht einfach nur ein nerviges Ärgernis, wenn der Präsident der U.S.A. über Monate seine fast 80 Millionen Twitter-Follower vor einer &amp;#8222;Karawane&amp;#8220; von gewaltbereiten Kriminellen warnt [6]. Wir haben gesehen, dass auch wenig glaubwürdige Botschaften durch die Wiederholung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Auch die BILD erreicht in Deutschland täglich über 8 Millionen Leser\innen [7]. Es ist allein aufgrund dieser großen Reichweite von Bedeutung, wenn die BILD systematisch abfällig über &amp;#8222;die faulen Griechen&amp;#8220; berichtet. Dabei spielt es keine Rolle, ob die meisten Leser\innen dieses Blatt eher wenig glaubwürdig finden (– zumal die übrigen Leitmedien ähnlich verzerrt berichtet hatten [1]). In der Masse formt diese Art der Berichterstattung die öffentliche Meinung in Richtung der gesendeten Botschaft.!--more--&#xA;&#xA;Natürlich darf man die Befunde in diesem Kapitel nicht so verstehen, dass wir im Alltag den hier besprochenen Wiederholungseffekten vollkommen hilflos ausgeliefert sind. Es ist in der Regel nicht so, dass wir eine Politikerin nur deshalb wählen, weil wir sie besonders häufig auf Plakaten gesehen haben. Wir halten niemanden automatisch für einen Prominenten, nur weil wir irgendwann den Namen in einem anderen Kontext gelesen haben. Wir glauben auch nicht bedingungslos jeden Unsinn, nur weil er sehr oft wiederholt wurde. Aber diese grundlegenden, im Experimentallabor nachweisbaren, Effekte spielen zusammen mit anderen Faktoren eine wichtige Rolle. Sie sind wissenschaftlich gut belegte Bausteine, auf die unser Denken auch in der komplexen Welt außerhalb des psychologischen Versuchslabors aufbaut. Die wichtigste Erkenntnis dabei ist, dass Wiederholungen auf die Meinungsbildung wirken können, ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen. Wir sind daher gut beraten, immer dann genau hinzuschauen, wenn wir Wiederholungen einseitiger Botschaften bemerken. &#xA;&#xA;Alle Quellen des Kapitels:&#xA;&#xA;\[1] Otto, K. &amp; Köhler, A. (2016). Die Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise. IMK Studies, Nr. 45, Hans-Böckler-Stiftung: Düsseldorf.&#xA;&#xA;\[2] Henson, R. N. A. (2003). Neuroimaging studies of priming. Progress in Neurobiology, 70(1), 53–81. https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8&#xA;&#xA;\[3] Zajonc, R. B. (1980). Feeling and thinking: Preferences need no inferences. American Psychologist, 35(2), 151–175. https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151&#xA;&#xA;\[4] Jacoby, L. L., Kelley, C., Brown, J., &amp; Jasechko, J. (1989). Becoming famous overnight: Limits on the ability to avoid unconscious influences of the past. Journal of Personality and Social Psychology, 56(3), 326–338. https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326&#xA;&#xA;\[5] Gibbons, J. A., Lukowski, A. F., &amp; Walker, W. R. (2005). Exposure Increases the Believability of Unbelievable News Headlines via Elaborate Cognitive Processing. Media Psychology, 7(3), 273–300. https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3&#xA;&#xA;\[6] twitter.com, search: &#34;caravan (from:realDonaldTrump)&#34; (letzter Download 05/2020)&#xA;&#xA;\[7] https://www.mediaimpact.de/de/portfolio/bild (letzter Download 05/2020)&#xA;]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-5-wiederholungen-zusammenschau" id="1-5-wiederholungen-zusammenschau">1.5 Wiederholungen: Zusammenschau</h3>

<p>Die zentrale Botschaft dieses Kapitels ist, dass Wiederholungen wirken. Es ist daher nicht einfach nur ein nerviges Ärgernis, wenn der Präsident der U.S.A. über Monate seine fast 80 Millionen Twitter-Follower vor einer „Karawane“ von gewaltbereiten Kriminellen warnt [6]. Wir haben gesehen, dass auch wenig glaubwürdige Botschaften durch die Wiederholung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Auch die BILD erreicht in Deutschland täglich über 8 Millionen Leser*innen [7]. Es ist allein aufgrund dieser großen Reichweite von Bedeutung, wenn die BILD systematisch abfällig über „die faulen Griechen“ berichtet. Dabei spielt es keine Rolle, ob die meisten Leser*innen dieses Blatt eher wenig glaubwürdig finden (– zumal die übrigen Leitmedien ähnlich verzerrt berichtet hatten [1]). In der Masse formt diese Art der Berichterstattung die öffentliche Meinung in Richtung der gesendeten Botschaft.</p>

<p>Natürlich darf man die Befunde in diesem Kapitel nicht so verstehen, dass wir im Alltag den hier besprochenen Wiederholungseffekten vollkommen hilflos ausgeliefert sind. Es ist in der Regel nicht so, dass wir eine Politikerin <em>nur</em> deshalb wählen, weil wir sie besonders häufig auf Plakaten gesehen haben. Wir halten niemanden automatisch für einen Prominenten, nur weil wir irgendwann den Namen in einem anderen Kontext gelesen haben. Wir glauben auch nicht bedingungslos jeden Unsinn, nur weil er sehr oft wiederholt wurde. Aber diese grundlegenden, im Experimentallabor nachweisbaren, Effekte spielen zusammen mit anderen Faktoren eine wichtige Rolle. Sie sind wissenschaftlich gut belegte Bausteine, auf die unser Denken auch in der komplexen Welt außerhalb des psychologischen Versuchslabors aufbaut. Die wichtigste Erkenntnis dabei ist, dass Wiederholungen auf die Meinungsbildung wirken können, ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen. Wir sind daher gut beraten, immer dann genau hinzuschauen, wenn wir Wiederholungen einseitiger Botschaften bemerken.</p>

<p>Alle Quellen des Kapitels:</p>

<p>[1] Otto, K. &amp; Köhler, A. (2016). Die Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise. IMK Studies, Nr. 45, Hans-Böckler-Stiftung: Düsseldorf.</p>

<p>[2] Henson, R. N. A. (2003). Neuroimaging studies of priming. Progress in Neurobiology, 70(1), 53–81. <a href="https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8">https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8</a></p>

<p>[3] Zajonc, R. B. (1980). Feeling and thinking: Preferences need no inferences. American Psychologist, 35(2), 151–175. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151">https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151</a></p>

<p>[4] Jacoby, L. L., Kelley, C., Brown, J., &amp; Jasechko, J. (1989). Becoming famous overnight: Limits on the ability to avoid unconscious influences of the past. Journal of Personality and Social Psychology, 56(3), 326–338. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326">https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326</a></p>

<p>[5] Gibbons, J. A., Lukowski, A. F., &amp; Walker, W. R. (2005). Exposure Increases the Believability of Unbelievable News Headlines via Elaborate Cognitive Processing. Media Psychology, 7(3), 273–300. <a href="https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3">https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3</a></p>

<p>[6] twitter.com, search: “caravan (from:realDonaldTrump)” (letzter Download 05/2020)</p>

<p>[7] <a href="https://www.mediaimpact.de/de/portfolio/bild">https://www.mediaimpact.de/de/portfolio/bild</a> (letzter Download 05/2020)</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://denkfoul.de/1-5-wiederholungen-zusammenschau</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:09:58 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>1.4 Wiederholungen: Glaubwürdiger</title>
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      <description>&lt;![CDATA[1.4 Wiederholungen: Glaubwürdiger&#xA;&#xA;Bis hierher haben wir gesehen, dass die Wiederholung von Informationen zu einer schnelleren allgemeinen Verarbeitung (Priming), zu einer positiveren Einstellung (Mere exposure effect) und zu einer Überschätzung der Berühmtheit von Personen (False fame) führt. Wie sieht es nun mit inhaltlich etwas komplexeren Botschaften aus, wie sie für unseren Medienalltag typisch sind? Die nächste Studie beschäftigte sich mit der Glaubwürdigkeit von Schlagzeilen, die verschiedenen Boulevardblättern entnommen waren \[5]. Darunter waren auch eher weniger glaubwürdige Aussagen, wie zum Beispiel: &amp;#8222;Chlor im Schwimmbecken kann gegen Hautkrebs helfen&amp;#8220;. Die Versuchspersonen sollten in diesem Experiment auf einer Skala angeben, für wie glaubwürdig sie die jeweilige Aussage hielten. Wie schon in den zuvor besprochenen Experimenten wurde ein Teil der Schlagzeilen später unter der gleichen Aufgabenstellung erneut präsentiert. Sie ahnen das Ergebnis: Wiederholte Schlagzeilen hatten im Durchschnitt höhere Glaubwürdigkeitswerte als erstmalig präsentierte Schlagzeilen. Wie lässt sich dieser Befund erklären? !--more--&#xA;&#xA;Man hat zunächst herausgefunden, das unglaubwürdige Schlagzeilen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bevorzugt weiterverarbeitet werden. Umgangssprachlich formuliert, denken wir über abstruse Behauptungen automatisch etwas mehr nach. Nun könnte man meinen, dass dies dazu führen müsste, dass gerade die Unglaubwürdigkeit dadurch besonders stark auffallen würde. Hier kommt jedoch ein Effekt zum Tragen, mit dem wir uns später noch eingehender beschäftigen werden: Es fällt uns in der Regel einfacher, bestätigende Argumente für eine Aussage zu finden, als widerlegende Argumente gegen eine Aussage! Wir müssen uns also in gewissem Umfang zwingen, aktiv nach Gegenargumenten zu suchen, weil ansonsten vorwiegend die bestätigenden Informationen aus unserem Gedächtnis abgerufen werden. Da wir jedoch beim &amp;#8222;Konsum&amp;#8220; von Medien in der Regel nicht ständig alles tiefgründig  durchdenken (können), kann diese sogenannte Bestätigungsverzerrung (auch Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias) seine Wirkung entfalten. Als Konsequenz kommt es also unter Umständen dazu, dass man Aussagen mit geringer Glaubwürdigkeit bei der wiederholten Darbietung mehr Glauben schenkt, weil man sich selbst unbewusst mehr Argumente dafür als Argumente dagegen geliefert hat!&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;\[5] Gibbons, J. A., Lukowski, A. F., &amp; Walker, W. R. (2005). Exposure Increases the Believability of Unbelievable News Headlines via Elaborate Cognitive Processing. Media Psychology, 7(3), 273–300. https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-4-wiederholungen-glaubwürdiger" id="1-4-wiederholungen-glaubwürdiger">1.4 Wiederholungen: Glaubwürdiger</h3>

<p>Bis hierher haben wir gesehen, dass die Wiederholung von Informationen zu einer schnelleren allgemeinen Verarbeitung (Priming), zu einer positiveren Einstellung (Mere exposure effect) und zu einer Überschätzung der Berühmtheit von Personen (False fame) führt. Wie sieht es nun mit inhaltlich etwas komplexeren Botschaften aus, wie sie für unseren Medienalltag typisch sind? Die nächste Studie beschäftigte sich mit der Glaubwürdigkeit von Schlagzeilen, die verschiedenen Boulevardblättern entnommen waren [5]. Darunter waren auch eher weniger glaubwürdige Aussagen, wie zum Beispiel: „Chlor im Schwimmbecken kann gegen Hautkrebs helfen“. Die Versuchspersonen sollten in diesem Experiment auf einer Skala angeben, für wie glaubwürdig sie die jeweilige Aussage hielten. Wie schon in den zuvor besprochenen Experimenten wurde ein Teil der Schlagzeilen später unter der gleichen Aufgabenstellung erneut präsentiert. Sie ahnen das Ergebnis: Wiederholte Schlagzeilen hatten im Durchschnitt höhere Glaubwürdigkeitswerte als erstmalig präsentierte Schlagzeilen. Wie lässt sich dieser Befund erklären? </p>

<p>Man hat zunächst herausgefunden, das unglaubwürdige Schlagzeilen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bevorzugt weiterverarbeitet werden. Umgangssprachlich formuliert, denken wir über abstruse Behauptungen automatisch etwas mehr nach. Nun könnte man meinen, dass dies dazu führen müsste, dass gerade die Unglaubwürdigkeit dadurch besonders stark auffallen würde. Hier kommt jedoch ein Effekt zum Tragen, mit dem wir uns später noch eingehender beschäftigen werden: Es fällt uns in der Regel einfacher, bestätigende Argumente für eine Aussage zu finden, als widerlegende Argumente gegen eine Aussage! Wir müssen uns also in gewissem Umfang zwingen, aktiv nach Gegenargumenten zu suchen, weil ansonsten vorwiegend die bestätigenden Informationen aus unserem Gedächtnis abgerufen werden. Da wir jedoch beim „Konsum“ von Medien in der Regel nicht ständig alles tiefgründig  durchdenken (können), kann diese sogenannte Bestätigungsverzerrung (auch Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias) seine Wirkung entfalten. Als Konsequenz kommt es also unter Umständen dazu, dass man Aussagen mit geringer Glaubwürdigkeit bei der wiederholten Darbietung mehr Glauben schenkt, weil man sich selbst unbewusst mehr Argumente dafür als Argumente dagegen geliefert hat!</p>

<p>Quellen:</p>

<p>[5] Gibbons, J. A., Lukowski, A. F., &amp; Walker, W. R. (2005). Exposure Increases the Believability of Unbelievable News Headlines via Elaborate Cognitive Processing. Media Psychology, 7(3), 273–300. <a href="https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3">https://doi.org/10.1207/S1532785XMEP0703_3</a></p>
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      <guid>https://denkfoul.de/1-4-wiederholungen-immer-glaubwurdiger</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:09:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>1.3 Wiederholungen: Berühmter</title>
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      <description>&lt;![CDATA[1.3 Wiederholungen: Berühmter&#xA;&#xA;Die erleichterte Bearbeitung wiederholter Information kann uns noch auf andere Art und Weise auf&#39;s Glatteis führen. Larry Jacoby und seine Kolleg\*innen präsentierten ihren Versuchspersonenen in einer ersten Phase eines Wiederholungsexperimentes Namen von unbekannten Personen \[4]. Diese unbekannten Namen sollten einfach gelesen werden. Einen Tag später wurde den Versuchspersonen wieder eine Liste mit Namen vorgelegt – jedoch diesmal mit der Aufgabe, zu entscheiden, ob es sich jeweils um eine berühmte oder eine nichtberühmte Person handelt.  In dieser Testphase gab es a) nichtberühmte Namen vom Vortag, b) neue nichtberühmte Namen und c) neue berühmte Namen. Der Titel dieser Studie &amp;#8222;Becoming famous over night&amp;#8220; (Über Nacht berühmt werden) verrät das Ergebnis: Nichtberühmte Namen, die in der ersten Phase des Experimentes vorkamen, wurden am zweiten Tag mit höherer Wahrscheinlichkeit für berühmt gehalten als neue nichtberühmte Namen. !--more--&#xA;&#xA;Dieser sogenannten False Fame-Effekt (falsche Berühmtheit) ist eine weitere Demonstration für die Wirkung unbewusster Gedächtnisprozesse. Was passiert während des Versuchs im Gehirn der Versuchsperson? Die erstmalige Bearbeitung der zunächst unbekannten Namen hinterlässt wieder eine Spur. Wir könnten diese Spur auch als Gedächtnisspur bezeichnen, denn eine bleibende Veränderung in unserem Gehirn ist letztlich nicht anderes als die Bildung von Gedächtnisinhalten. Wenn sich unsere Versuchsperson in der zweiten Phase des Experimentes bewusst an einen Namen aus der ersten Phase erinnert, weiß sie, dass der Name nichtberühmt ist. (Alle Namen im ersten Teil des Experiments waren nicht berühmt.) Erinnert sich die Versuchsperson jedoch nicht an die Wiederholung, kann der unbewusster Gedächtniseffekt eintreten. In diesem Fall führt die vorhandene Gedächtnisspur, wie wir beim Priming-Experiment gesehen haben, zu einer erleichterten Verarbeitung. Diese erleichterte Verarbeitung wird vom Gehirn zwar registriert, aber erreicht nicht die Schwelle des Bewusstseins. Sie führt aber dennoch zu einem messbaren Effekt, nämlich dem schon beim Mere-Exposure-Effekt beschriebenen Gefühl der Vertrautheit. Der Grund für diese Vertrautheit wird dann fehlinterpretiert und in der vermeidlichen Berühmtheit der Person gesehen.&#xA;&#xA;Situationen bei denen wir die genaue Quelle für die Vertrautheit mit etwas nicht mehr richtig zuordnen können, sind im Alltag nicht selten. Manchmal führt dieses Phänomen versehentlich sogar zu Plagiarismus – also dem unabsichtlichem Schmücken mit fremden Federn. Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass Ihnen jemand begeistert von einer ganz neuen Idee erzählt – die Sie selbst dieser Person kurz zuvor geschildert hatten! Möglicherweise haben Sie sich auch selbst schon unberechtigterweise für den kreativen Ursprung eines Gedankens, eines Reimes oder einer Musikkomposition gehalten, weil sie die echte Quelle vergessen hatten. Das kann peinlich sein, ist aber letztlich eine normale Konsequenz der Funktionsweise unseres Gedächtnisses.&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;[4] Jacoby, L. L., Kelley, C., Brown, J., &amp; Jasechko, J. (1989). Becoming famous overnight: Limits on the ability to avoid unconscious influences of the past. Journal of Personality and Social Psychology, 56(3), 326–338. https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-3-wiederholungen-berühmter" id="1-3-wiederholungen-berühmter">1.3 Wiederholungen: Berühmter</h3>

<p>Die erleichterte Bearbeitung wiederholter Information kann uns noch auf andere Art und Weise auf&#39;s Glatteis führen. Larry Jacoby und seine Kolleg*innen präsentierten ihren Versuchspersonenen in einer ersten Phase eines Wiederholungsexperimentes Namen von unbekannten Personen [4]. Diese unbekannten Namen sollten einfach gelesen werden. Einen Tag später wurde den Versuchspersonen wieder eine Liste mit Namen vorgelegt – jedoch diesmal mit der Aufgabe, zu entscheiden, ob es sich jeweils um eine berühmte oder eine nichtberühmte Person handelt.  In dieser Testphase gab es a) nichtberühmte Namen vom Vortag, b) neue nichtberühmte Namen und c) neue berühmte Namen. Der Titel dieser Studie „Becoming famous over night“ (Über Nacht berühmt werden) verrät das Ergebnis: Nichtberühmte Namen, die in der ersten Phase des Experimentes vorkamen, wurden am zweiten Tag mit höherer Wahrscheinlichkeit für berühmt gehalten als neue nichtberühmte Namen. </p>

<p>Dieser sogenannten <em>False Fame</em>-Effekt (falsche Berühmtheit) ist eine weitere Demonstration für die Wirkung unbewusster Gedächtnisprozesse. Was passiert während des Versuchs im Gehirn der Versuchsperson? Die erstmalige Bearbeitung der zunächst unbekannten Namen hinterlässt wieder eine Spur. Wir könnten diese Spur auch als Gedächtnisspur bezeichnen, denn eine bleibende Veränderung in unserem Gehirn ist letztlich nicht anderes als die Bildung von Gedächtnisinhalten. Wenn sich unsere Versuchsperson in der zweiten Phase des Experimentes bewusst an einen Namen aus der ersten Phase erinnert, weiß sie, dass der Name nichtberühmt ist. (Alle Namen im ersten Teil des Experiments waren nicht berühmt.) Erinnert sich die Versuchsperson jedoch nicht an die Wiederholung, kann der unbewusster Gedächtniseffekt eintreten. In diesem Fall führt die vorhandene Gedächtnisspur, wie wir beim Priming-Experiment gesehen haben, zu einer erleichterten Verarbeitung. Diese erleichterte Verarbeitung wird vom Gehirn zwar registriert, aber erreicht nicht die Schwelle des Bewusstseins. Sie führt aber dennoch zu einem messbaren Effekt, nämlich dem schon beim Mere-Exposure-Effekt beschriebenen Gefühl der Vertrautheit. Der Grund für diese Vertrautheit wird dann fehlinterpretiert und in der vermeidlichen Berühmtheit der Person gesehen.</p>

<p>Situationen bei denen wir die genaue Quelle für die Vertrautheit mit etwas nicht mehr richtig zuordnen können, sind im Alltag nicht selten. Manchmal führt dieses Phänomen versehentlich sogar zu Plagiarismus – also dem unabsichtlichem Schmücken mit fremden Federn. Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass Ihnen jemand begeistert von einer ganz neuen Idee erzählt – die Sie selbst dieser Person kurz zuvor geschildert hatten! Möglicherweise haben Sie sich auch selbst schon unberechtigterweise für den kreativen Ursprung eines Gedankens, eines Reimes oder einer Musikkomposition gehalten, weil sie die echte Quelle vergessen hatten. Das kann peinlich sein, ist aber letztlich eine normale Konsequenz der Funktionsweise unseres Gedächtnisses.</p>

<p>Quellen:</p>

<p>[4] Jacoby, L. L., Kelley, C., Brown, J., &amp; Jasechko, J. (1989). Becoming famous overnight: Limits on the ability to avoid unconscious influences of the past. Journal of Personality and Social Psychology, 56(3), 326–338. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326">https://doi.org/10.1037/0022-3514.56.3.326</a></p>
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      <guid>https://denkfoul.de/1-3-wiederholungen-immer-beruhmter</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:08:55 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>1.2 Wiederholungen: Schöner</title>
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      <description>&lt;![CDATA[1.2 Wiederholungen: Schöner&#xA;&#xA;Für unser nächstes Experiment wählen wir den gleichen Grundaufbau wie für das Priming-Experiment. Wir präsentieren wieder Bilder in zufälliger Reihenfolge und wiederholen nach einiger Zeit die Präsentationen. Aber dieses Mal messen wir keine Reaktionszeiten, sondern fragen unsere Versuchspersonen, wie gut ihnen das jeweilige Bild gefällt. Dazu lassen wir sie beispielsweise nach jedem Bild einfach eine Zahl zwischen Null (&amp;#8222;gefällt mir gar nicht&amp;#8220;) und Zehn (&amp;#8222;gefällt mir sehr gut&amp;#8220;) angeben. Wenn wir uns jetzt in die Lage einer Versuchsperson versetzen, kommt uns diese Aufgabe vielleicht sinnlos vor. Wir gehen natürlich davon aus, dass uns ein Bild nicht mehr oder weniger gefallen wird, nur weil wir es ein paar Minuten zuvor schon einmal gesehen haben. Ein typisches Ergebnis eines solchen Wiederholungsexperimentes zeigt jedoch, dass die wiederholten Bilder im Durchschnitt tatsächlich positiver beurteilt werden als die Erstpräsentationen. Im Fachjargon wird dieser überraschende Befund als Mere-Exposure-Effekt bezeichnet \[3]. !--more--Mere Exposure könnte man umständlich als bloßes Ausgesetztsein übersetzen. Mit diesem Begriff soll ausgedrückt werden, dass es ausreicht, einer Sache einmal ausgesetzt zu sein, um es bei einer erneuten Begegnung positiver zu beurteilen. Auch dieser Effekt wurde für alle möglichen Versuchsmaterialien gezeigt – neben Bildern funktioniert er beispielsweise auch mit Wörtern, Buchstabenfolgen, Geräuschen und unbekannten chinesischen Schriftzeichen. Eine besonders interessante Variante dieses Effekts entsteht bei der Beurteilung der Attraktivität von Personen. Wenn Versuchspersonen Fotos von Gesichtern gezeigt werden und sie angeben müssen, wie attraktiv sie die abgebildeteten Personen finden, findet sich ebenfalls einen Mere-Exposure-Effekt: Personen, die man bereits zuvor schon gesehen hat, werden attraktiver eingeschätzt!&#xA;&#xA;Wie in dem Priming-Experiment lässt sich auch für den Mere-Expose-Effekt zeigen, dass kein bewusstes Wiedererkennen notwendig ist, damit der positivere Eindruck bei der erneuten Verarbeitung entsteht. Selbst wenn wir bereits vergessen haben, dass wir ein Bild schon einmal gesehen haben, wirkt der Effekt der Wiederholung. Wie kommt diese Wirkung zustande? Wie wir bereits wissen, hinterlässt die erste Verarbeitung bleibende Spuren im Gehirn. Wir haben diese Spuren mit dem Anlegen eines Trampelpfades im Dickicht Milliarden Nervenzellen verglichen. Der Priming-Effekt entsteht, weil Informationen auf dem angelegten Trampelpfad schneller transportiert werden können. Der Verarbeitungsweg wird gebahnt. In Folge der schnelleren Informationsverarbeitung sind dann die Reaktionszeiten verkürzt. Die erleichterte Verarbeitung fällt uns nicht bewusst auf und sie ist selbst dann messbar, wenn wir uns an ein Bild nicht erinnern.&#xA;&#xA;Bis zu diesem Punkt haben wir so getan, als würde das Gedächtnis nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip funktionieren. Wir erinnern uns oder wir erinnern uns nicht. Der Abruf aus dem Gedächtnis gelingt oder er gelingt nicht. Was bedeutet es aber, wenn wir uns nicht erinnern – wenn also der Abruf aus dem Gedächtnis nicht gelingt? Wir kennen alle die Situation, dass wir etwas vergessen, was uns dann zu späteren Zeitpunkt wieder einfällt. In solchen Fällen ist offensichtlich, dass Vergessen nicht bedeuten muss, dass Informationen nicht mehr im Gedächtnis vorhanden sind. Wir finden die Information nur nicht. Der Begriff Wiedererkennen beschreibt also nur den Prozess, dass uns bewusst wird, dass wir ein bestimmtes Bild schon einmal gesehen haben. Es kann aber auch passieren, dass uns ein Bild irgendwie vertraut vorkommt. Wir erinnern uns nicht bewusst daran, dass wir es während des Versuchs schon gesehen haben, aber wir haben irgendwie das Gefühl, das Bild zu kennen. Die Wiederholung kann also zu direktem Wiedererkennen führen oder zu einem Gefühl der Vertrautheit. Dieses Gefühl der Vertrautheit wird als mögliche Ursache des Mere-Exposure-Effektes angesehen.&#xA;&#xA;Beim Mere-Exposure-Effekt wird durch die erste Präsentation die Verarbeitung der Wiederholung gebahnt. Diese Bahnung ist uns nicht bewusst, aber die erleichterte Bearbeitung der Aufgabe führt zu einem Gefühl der Vertrautheit. Der nächste Erklärungsschritt ist nun, dass Menschen Dinge, die ihnen vertraut sind, tendenziell positiver bewerten, als unvertraute Dinge. Mit anderen Worten, wenn wir etwas bereits kennen, beurteilen wir es als besser. Vielen begegnet dieses Phänomen im Alltag beispielsweise, wenn sie Musik hören. Beim ersten Hören findet man ein Musikstück noch allenfalls mittelmäßig, aber nach mehreren Wiederholungen erscheint es geradezu hitverdächtig. Möglicherweise spielt hier eine angeborene Skepsis gegenüber Neuem eine Rolle, die evolutionsbiologisch durchaus eine nachvollziehbare Funktion haben könnte. Platt gesprochen: &amp;#8222;Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich…&amp;#8220;! Wenn wir bereits die Erfahrung gemacht haben, dass wir etwas nicht fürchten müssen, ist das positiv. Man könnte dementsprechend auch umgekehrt formulieren, dass der Mere-Exposure-Effekt widerspiegelt, dass bekannte Informationen weniger negativ bewertet werden als neue Informationen.&#xA;&#xA;Der Mere-Exposure-Effekt ist eine wichtige Säule vieler Werbestrategien. Die Beliebtheit eines Produkts (oder einer Person) durch simples Wiederholen zu erhöhen, ist eine vergleichsweise billige Methode. Natürlich gibt es im echten Leben außerhalb des Versuchslabors meist noch weitere Faktoren, die unsere Gesamtbeurteilung beeinflussen können. Nichtsdestotrotz ist der Mere-Exposure-Effekt eine beeindruckende Demonstration unbewusster Einflussnahme auf unsere Meinungsbildung (Anm. 1).&#xA;&#xA;Anmerkungen:&#xA;&#xA;(1) Die Begriffe Meinung, Wertung und Einstellung werden hier im umgangsprachenlichen Sinn ohne klare Trennung und ohne wissenschaftliche Definition verwendet.&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;[3] Zajonc, R. B. (1980). Feeling and thinking: Preferences need no inferences. American Psychologist, 35(2), 151–175. https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-2-wiederholungen-schöner" id="1-2-wiederholungen-schöner">1.2 Wiederholungen: Schöner</h3>

<p>Für unser nächstes Experiment wählen wir den gleichen Grundaufbau wie für das Priming-Experiment. Wir präsentieren wieder Bilder in zufälliger Reihenfolge und wiederholen nach einiger Zeit die Präsentationen. Aber dieses Mal messen wir keine Reaktionszeiten, sondern fragen unsere Versuchspersonen, wie gut ihnen das jeweilige Bild gefällt. Dazu lassen wir sie beispielsweise nach jedem Bild einfach eine Zahl zwischen Null („gefällt mir gar nicht“) und Zehn („gefällt mir sehr gut“) angeben. Wenn wir uns jetzt in die Lage einer Versuchsperson versetzen, kommt uns diese Aufgabe vielleicht sinnlos vor. Wir gehen natürlich davon aus, dass uns ein Bild nicht mehr oder weniger gefallen wird, nur weil wir es ein paar Minuten zuvor schon einmal gesehen haben. Ein typisches Ergebnis eines solchen Wiederholungsexperimentes zeigt jedoch, dass die wiederholten Bilder im Durchschnitt tatsächlich positiver beurteilt werden als die Erstpräsentationen. Im Fachjargon wird dieser überraschende Befund als <em>Mere-Exposure</em>-Effekt bezeichnet [3]. <em>Mere Exposure</em> könnte man umständlich als <em>bloßes Ausgesetztsein</em> übersetzen. Mit diesem Begriff soll ausgedrückt werden, dass es ausreicht, einer Sache einmal ausgesetzt zu sein, um es bei einer erneuten Begegnung positiver zu beurteilen. Auch dieser Effekt wurde für alle möglichen Versuchsmaterialien gezeigt – neben Bildern funktioniert er beispielsweise auch mit Wörtern, Buchstabenfolgen, Geräuschen und unbekannten chinesischen Schriftzeichen. Eine besonders interessante Variante dieses Effekts entsteht bei der Beurteilung der Attraktivität von Personen. Wenn Versuchspersonen Fotos von Gesichtern gezeigt werden und sie angeben müssen, wie attraktiv sie die abgebildeteten Personen finden, findet sich ebenfalls einen Mere-Exposure-Effekt: Personen, die man bereits zuvor schon gesehen hat, werden attraktiver eingeschätzt!</p>

<p>Wie in dem Priming-Experiment lässt sich auch für den Mere-Expose-Effekt zeigen, dass kein bewusstes Wiedererkennen notwendig ist, damit der positivere Eindruck bei der erneuten Verarbeitung entsteht. Selbst wenn wir bereits vergessen haben, dass wir ein Bild schon einmal gesehen haben, wirkt der Effekt der Wiederholung. Wie kommt diese Wirkung zustande? Wie wir bereits wissen, hinterlässt die erste Verarbeitung bleibende Spuren im Gehirn. Wir haben diese Spuren mit dem Anlegen eines Trampelpfades im Dickicht Milliarden Nervenzellen verglichen. Der Priming-Effekt entsteht, weil Informationen auf dem angelegten Trampelpfad schneller transportiert werden können. Der Verarbeitungsweg wird gebahnt. In Folge der schnelleren Informationsverarbeitung sind dann die Reaktionszeiten verkürzt. Die erleichterte Verarbeitung fällt uns nicht bewusst auf und sie ist selbst dann messbar, wenn wir uns an ein Bild nicht erinnern.</p>

<p>Bis zu diesem Punkt haben wir so getan, als würde das Gedächtnis nach dem <em>Alles-oder-Nichts-Prinzip</em> funktionieren. Wir erinnern uns oder wir erinnern uns nicht. Der Abruf aus dem Gedächtnis gelingt oder er gelingt nicht. Was bedeutet es aber, wenn wir uns nicht erinnern – wenn also der Abruf aus dem Gedächtnis nicht gelingt? Wir kennen alle die Situation, dass wir etwas vergessen, was uns dann zu späteren Zeitpunkt wieder einfällt. In solchen Fällen ist offensichtlich, dass Vergessen nicht bedeuten muss, dass Informationen nicht mehr im Gedächtnis vorhanden sind. Wir finden die Information nur nicht. Der Begriff Wiedererkennen beschreibt also nur den Prozess, dass uns bewusst wird, dass wir ein bestimmtes Bild schon einmal gesehen haben. Es kann aber auch passieren, dass uns ein Bild irgendwie vertraut vorkommt. Wir erinnern uns nicht bewusst daran, dass wir es während des Versuchs schon gesehen haben, aber wir haben irgendwie das Gefühl, das Bild zu kennen. Die Wiederholung kann also zu direktem Wiedererkennen führen oder zu einem <em>Gefühl der Vertrautheit</em>. Dieses Gefühl der Vertrautheit wird als mögliche Ursache des Mere-Exposure-Effektes angesehen.</p>

<p>Beim Mere-Exposure-Effekt wird durch die erste Präsentation die Verarbeitung der Wiederholung <em>gebahnt</em>. Diese Bahnung ist uns nicht bewusst, aber die erleichterte Bearbeitung der Aufgabe führt zu einem Gefühl der Vertrautheit. Der nächste Erklärungsschritt ist nun, dass Menschen Dinge, die ihnen vertraut sind, tendenziell positiver bewerten, als unvertraute Dinge. Mit anderen Worten, wenn wir etwas bereits kennen, beurteilen wir es als besser. Vielen begegnet dieses Phänomen im Alltag beispielsweise, wenn sie Musik hören. Beim ersten Hören findet man ein Musikstück noch allenfalls mittelmäßig, aber nach mehreren Wiederholungen erscheint es geradezu hitverdächtig. Möglicherweise spielt hier eine angeborene Skepsis gegenüber Neuem eine Rolle, die evolutionsbiologisch durchaus eine nachvollziehbare Funktion haben könnte. Platt gesprochen: „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich…“! Wenn wir bereits die Erfahrung gemacht haben, dass wir etwas nicht fürchten müssen, ist das positiv. Man könnte dementsprechend auch umgekehrt formulieren, dass der Mere-Exposure-Effekt widerspiegelt, dass bekannte Informationen <em>weniger negativ</em> bewertet werden als neue Informationen.</p>

<p>Der Mere-Exposure-Effekt ist eine wichtige Säule vieler Werbestrategien. Die Beliebtheit eines Produkts (oder einer Person) durch simples Wiederholen zu erhöhen, ist eine vergleichsweise billige Methode. Natürlich gibt es im echten Leben außerhalb des Versuchslabors meist noch weitere Faktoren, die unsere Gesamtbeurteilung beeinflussen können. Nichtsdestotrotz ist der Mere-Exposure-Effekt eine beeindruckende Demonstration unbewusster Einflussnahme auf unsere Meinungsbildung (Anm. 1).</p>

<p>Anmerkungen:</p>

<p>(1) Die Begriffe Meinung, Wertung und Einstellung werden hier im umgangsprachenlichen Sinn ohne klare Trennung und ohne wissenschaftliche Definition verwendet.</p>

<p>Quellen:</p>

<p>[3] Zajonc, R. B. (1980). Feeling and thinking: Preferences need no inferences. American Psychologist, 35(2), 151–175. <a href="https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151">https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151</a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://denkfoul.de/1-2-wiederholungen-immer-schoner</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:07:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>1.1 Wiederholungen: Schneller</title>
      <link>https://denkfoul.de/1-1-wiederholungen-immer-schneller?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[1.1 Wiederholungen: Schneller&#xA;&#xA;Im psychologischen Versuchslabor untersucht man die Wirkung von Wiederholungen oft in sogenannten Wiederholungspriming-Experimenten  [2]. Priming kann mit Bahnung übersetzt werden. In einem typischen Bahnungsexperiment werden Versuchspersonen beispielsweise am Computer nacheinander Bilder von Tieren und Alltagsgegenständen gezeigt. Bei jedem Bild sollen die Versuchspersonen dann eine Kategorisierungsaufgabe durchführen. Man fragt etwa danach, ob ein Bild ein Lebewesen oder einen Gegenstand zeigt und lässt die Versuchspersonen so schnell wie möglich eine von zwei zugewiesenen Reaktionstasten drücken. Diese Aufgabe ist extrem einfach und Menschen können sie in Sekundenbruchteilen praktisch fehlerfrei durchführen. Interessant ist nun, was passiert, wenn Bilder nach einiger Zeit erneut präsentiert werden. Man findet dann, dass die Reaktionszeiten für wiederholte Bilder im Durchschnitt kürzer als die Reaktionszeiten bei den ersten Präsentationen sind. Dies bezeichnet man als Bahnungseffekt (oder kurz Priming).!--more--&#xA;&#xA;Wie kommt der Bahnungseffekt zustande? Obwohl die Aufgabe so einfach ist, erfordert sie doch, dass in unserem Gehirn eine große Anzahl von Nervenzellen zusammenarbeiten. Unser Gehirn besteht aus einem Netzwerk mit ungefähr 86 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzige mit Tausenden anderer Nervenzellen verbunden sein kann. Es ist daher nicht übertrieben zu sagen, dass sich die Information des präsentierten Bildes durch einen gewaltigen Nervenzelldschungel bewegen muss, bis die Verarbeitung am Ende mit dem Tastendruck abgeschlossen wird. Wenn dieser Verarbeitungsweg einmal durchlaufen wurde, hinterlässt dies gewissermaßen einen Trampelpfad im Nervenzelldschungel. Bei einer Wiederholung des Bildes wird dieser Weg aufgrund der schon vorhandenen Spuren dann erleichert und die Durchquerung des Dschungels gelingt schneller. Mit anderen Worten, die Verarbeitung wird durch die Wiederholung effizienter.&#xA;&#xA;Solche Bahnungseffekte wurden für alle möglichen &amp;#8222;Versuchsreize&amp;#8220; (Bilder, Wörter, Geräusche, etc.) nachgewiesen. Dabei ist  besonders bemerkenswert, dass die Verkürzung der Bearbeitungszeit unabhängig davon ist, ob wir uns bewusst an die jeweiligen Versuchsreize erinnern oder nicht. Um dies zu demonstrieren, könnten  wir das oben beschriebene Experiment so erweitern, dass Versuchspersonen nach der &amp;#8222;Tier-oder-Gegenstand&amp;#8220;-Entscheidung zusätzlich angeben sollen, ob es sich bei dem Bild um eine Wiederholung handelt oder nicht. Bei Hunderten von verwendeten Bildern werden Versuchspersonen etliche Bilder bei der zweiten Präsentation nicht als Wiederholungen erkennen. Die Aufgabe (Tier-oder-Gegenstand) erfordert dies ja auch gar nicht. Auch für diese &amp;#8222;vergessenen&amp;#8220; Bilder kann dann gezeigt werden, dass die Reaktionszeiten gegenüber den Erstpräsentationen verkürzt sind. Bahnungseffekte spiegeln somit auch unbewusste Lernprozesse wider. Dieser Aspekt stellt einen wesentlichen Grundstein für das Verstehen der Wirkung von wiederholten Medienbotschaften dar: Es gibt Lerneffekte, zu denen wir keinen bewussten Zugang haben!&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;[2] Henson, R. N. A. (2003). Neuroimaging studies of priming. Progress in Neurobiology, 70(1), 53–81. https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-1-wiederholungen-schneller" id="1-1-wiederholungen-schneller">1.1 Wiederholungen: Schneller</h3>

<p>Im psychologischen Versuchslabor untersucht man die Wirkung von Wiederholungen oft in sogenannten <em>Wiederholungspriming</em>-Experimenten  [2]. <em>Priming</em> kann mit <em>Bahnung</em> übersetzt werden. In einem typischen Bahnungsexperiment werden Versuchspersonen beispielsweise am Computer nacheinander Bilder von Tieren und Alltagsgegenständen gezeigt. Bei jedem Bild sollen die Versuchspersonen dann eine Kategorisierungsaufgabe durchführen. Man fragt etwa danach, ob ein Bild ein Lebewesen oder einen Gegenstand zeigt und lässt die Versuchspersonen so schnell wie möglich eine von zwei zugewiesenen Reaktionstasten drücken. Diese Aufgabe ist extrem einfach und Menschen können sie in Sekundenbruchteilen praktisch fehlerfrei durchführen. Interessant ist nun, was passiert, wenn Bilder nach einiger Zeit erneut präsentiert werden. Man findet dann, dass die Reaktionszeiten für wiederholte Bilder im Durchschnitt kürzer als die Reaktionszeiten bei den ersten Präsentationen sind. Dies bezeichnet man als <em>Bahnungseffekt</em> (oder kurz <em>Priming</em>).</p>

<p>Wie kommt der <em>Bahnungseffekt</em> zustande? Obwohl die Aufgabe so einfach ist, erfordert sie doch, dass in unserem Gehirn eine große Anzahl von Nervenzellen zusammenarbeiten. Unser Gehirn besteht aus einem Netzwerk mit ungefähr 86 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzige mit Tausenden anderer Nervenzellen verbunden sein kann. Es ist daher nicht übertrieben zu sagen, dass sich die Information des präsentierten Bildes durch einen gewaltigen Nervenzelldschungel bewegen muss, bis die Verarbeitung am Ende mit dem Tastendruck abgeschlossen wird. Wenn dieser Verarbeitungsweg einmal durchlaufen wurde, hinterlässt dies gewissermaßen einen Trampelpfad im Nervenzelldschungel. Bei einer Wiederholung des Bildes wird dieser Weg aufgrund der schon vorhandenen Spuren dann erleichert und die Durchquerung des Dschungels gelingt schneller. Mit anderen Worten, die Verarbeitung wird durch die Wiederholung effizienter.</p>

<p>Solche Bahnungseffekte wurden für alle möglichen „Versuchsreize“ (Bilder, Wörter, Geräusche, etc.) nachgewiesen. Dabei ist  besonders bemerkenswert, dass die Verkürzung der Bearbeitungszeit unabhängig davon ist, ob wir uns bewusst an die jeweiligen Versuchsreize erinnern oder nicht. Um dies zu demonstrieren, könnten  wir das oben beschriebene Experiment so erweitern, dass Versuchspersonen nach der „Tier-oder-Gegenstand“-Entscheidung zusätzlich angeben sollen, ob es sich bei dem Bild um eine Wiederholung handelt oder nicht. Bei Hunderten von verwendeten Bildern werden Versuchspersonen etliche Bilder bei der zweiten Präsentation nicht als Wiederholungen erkennen. Die Aufgabe (Tier-oder-Gegenstand) erfordert dies ja auch gar nicht. Auch für diese „vergessenen“ Bilder kann dann gezeigt werden, dass die Reaktionszeiten gegenüber den Erstpräsentationen verkürzt sind. Bahnungseffekte spiegeln somit auch unbewusste Lernprozesse wider. Dieser Aspekt stellt einen wesentlichen Grundstein für das Verstehen der Wirkung von wiederholten Medienbotschaften dar: Es gibt Lerneffekte, zu denen wir keinen bewussten Zugang haben!</p>

<p>Quellen:</p>

<p>[2] Henson, R. N. A. (2003). Neuroimaging studies of priming. Progress in Neurobiology, 70(1), 53–81. <a href="https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8">https://doi.org/10.1016/s0301-0082(03)00086-8</a></p>
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      <guid>https://denkfoul.de/1-1-wiederholungen-immer-schneller</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:05:48 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>Wiederholungen: Steter Tropfen höhlt den Stein</title>
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      <description>&lt;![CDATA[1. Wiederholungen: Steter Tropfen höhlt den Stein&#xA;&#xA;Wiederholungen spielen von Geburt an eine zentrale Rolle für viele Lernprozesse. Noch in Windeln haben wir gelernt, dass bestimmte Gesichter immer wieder vor uns auftauchen und häufig dieselben Laute von sich geben. Wir haben selbst immer wieder dieselben Laute gebrabbelt und Bewegungen wiederholt. Wir haben Vokabel solange erneut gelesen, gesprochen und aufgeschrieben, bis wir sie auswendig konnten. Parteien präsentieren uns vor jeder Wahl ihr Spitzenpersonal auf unzähligen Plakaten. Und allen Radiohörern, die nach den Verkehrsnachrichten nicht rechtzeitig abschalten, wird wieder und wieder eingebläut, welche Firma Steinschläge in der Windschutzscheibe repariert.!--more--&#xA;&#xA;Neben einfachen bildlichen oder wortwörtlichen Wiederholungen begegnen uns aber auch Botschaften, deren inhaltlicher Kern zwar gleich ist, deren äußere sprachliche oder bildhafte Verpackung sich aber ändert. Beispielsweise wurde im Frühjahr 2015 quer durch die deutsche Medienlandschaft überwiegend negativ wertend über Griechenland berichtet \[1]. Die mit verschiedenen Formulierungen und Bildern hundertfach wiederholte Botschaft war, dass «die Griechen» und besonders ihre politische Führung unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig wären. (Dieser tendenziösen Berichterstattung folgend kippte dann die Zustimmung der Bevölkerung zum Verbleib Griechenlands in der Eurozone.) Bevor wir uns mit solchen komplexeren Wiederholungen beschäftigen, werden wir ein paar grundlegende, aber teilweise verblüffende Effekte von Wiederholungen kennenlernen. Wir starten bei einfachen Laborexperimenten mit Reaktionszeitmessungen und landen am Ende bei der Glaubwürdigkeit von Schlagzeilen.&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;\[1] Otto, K. &amp; Köhler, A. (2016). Die Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise. IMK Studies, Nr. 45, Hans-Böckler-Stiftung: Düsseldorf.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h3 id="1-wiederholungen-steter-tropfen-höhlt-den-stein" id="1-wiederholungen-steter-tropfen-höhlt-den-stein">1. Wiederholungen: Steter Tropfen höhlt den Stein</h3>

<p>Wiederholungen spielen von Geburt an eine zentrale Rolle für viele Lernprozesse. Noch in Windeln haben wir gelernt, dass bestimmte Gesichter immer wieder vor uns auftauchen und häufig dieselben Laute von sich geben. Wir haben selbst immer wieder dieselben Laute gebrabbelt und Bewegungen wiederholt. Wir haben Vokabel solange erneut gelesen, gesprochen und aufgeschrieben, bis wir sie auswendig konnten. Parteien präsentieren uns vor jeder Wahl ihr Spitzenpersonal auf unzähligen Plakaten. Und allen Radiohörern, die nach den Verkehrsnachrichten nicht rechtzeitig abschalten, wird wieder und wieder eingebläut, welche Firma Steinschläge in der Windschutzscheibe repariert.</p>

<p>Neben einfachen bildlichen oder wortwörtlichen Wiederholungen begegnen uns aber auch Botschaften, deren inhaltlicher Kern zwar gleich ist, deren äußere sprachliche oder bildhafte Verpackung sich aber ändert. Beispielsweise wurde im Frühjahr 2015 quer durch die deutsche Medienlandschaft überwiegend negativ wertend über Griechenland berichtet [1]. Die mit verschiedenen Formulierungen und Bildern hundertfach wiederholte Botschaft war, dass «die Griechen» und besonders ihre politische Führung unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig wären. (Dieser tendenziösen Berichterstattung folgend kippte dann die Zustimmung der Bevölkerung zum Verbleib Griechenlands in der Eurozone.) Bevor wir uns mit solchen komplexeren Wiederholungen beschäftigen, werden wir ein paar grundlegende, aber teilweise verblüffende Effekte von Wiederholungen kennenlernen. Wir starten bei einfachen Laborexperimenten mit Reaktionszeitmessungen und landen am Ende bei der Glaubwürdigkeit von Schlagzeilen.</p>

<p>Quellen:</p>

<p>[1] Otto, K. &amp; Köhler, A. (2016). Die Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise. IMK Studies, Nr. 45, Hans-Böckler-Stiftung: Düsseldorf.</p>
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      <guid>https://denkfoul.de/1</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2020 10:04:14 +0000</pubDate>
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      <title>Vorwort</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Vor Facebook, Rundfunk und Buchdruck wurde Wissen im Wesentlichen direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben. Über einen zerstörerischen Brand in der Nachbarsiedlung erfuhr man nur durch eigene Beobachtungen oder durch Erzählungen. Über Ereignisse außerhalb des unittelbaren eigenen Umfelds erfuhr man in der Regel gar nichts und wenn, dann nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Heute kann der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump täglich bis zu 36 unwahre Aussagen in Echtzeit an Abermillionen Menschen senden, die diese &amp;#8222;Fake News&amp;#8220; ihrerseits in Sekundenbruchteilen weiterverbreiten können [1]. Die technische Entwicklung der Massenmedien in der jüngeren Menschheitsgeschichte verlief rasant. Die biologische &amp;#8222;Hardware&amp;#8220; mit der wir heute Wissen erwerben – unser Gehirn –, unterscheidet sich jedoch kaum von der unserer Vorfahren, die durch Gesten und Grunzen mitteilten, wo sich essbare Pflanzen und gefährliche Tiere befanden. Ein Neandertaler, der 36 Mal am Tag die Mitglieder seiner Gruppe belog, hatte in einer Zeit, in der Kooperation überlebenswichtig war, vermutlich schlechte Karten. Die Prinzipien nach denen unser Gehirn arbeitet, haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Unsere mediale Umwelt ist dagegen eine grundlegend andere. Um die Konsequenzen dieser Diskrepanz besser begreifen zu können, müssen wir verstehen, wie Menschen lernen und wie das Gedächtnis funktioniert.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die modernen Massenmedien ermöglichen uns heute ein immenses aktuelles und historisches Wissen über die Welt, auf der wir leben. So können wir beispielsweise erfahren:&#xA;&#xA;Über Hiroshima und Nagasaki wurden Atombomben gezündet.&#xA;Die Wolga ist der längste Fluss Europas.&#xA;Angela Merkel wurde bereits vier Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.&#xA;&#xA;Und weiterhin:&#xA;&#xA;Die gierigen Griechen brauchen noch mehr Finanzhilfen.&#xA;Russland hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert.&#xA;Der Fachkräftemangel bedroht die deutsche Wirtschaft.&#xA;&#xA;Die ersten drei Aussagen informieren über bestimmte Ereignisse und Sachverhalte. Es geht um &amp;#8222;reine Fakten&amp;#8220;, die wir aufnehmen, im Gedächtnis abspeichern und womöglich wieder vergessen. Bei den letzten drei Beispiele ist die Faktenlage dagegen weniger eindeutig. Hier gibt es verschiedene Ansichten, die mit unterschiedlichen Argumenten untermauert werden können. Die jeweiligen Aussagen stellen somit eine Vermischung von Fakten, Wertungen und Meinungen dar. Wie beeinflussen solche Aussagen unser Wissen und damit unsere eigene Meinungsbildung? Wenn wir einen denkenden Roboter bauen wollten, würden wir ihn vermutlich so programmieren, dass er zunächst analysiert, welche Teile der Aussagen Fakten und welche Teile eher Meinungen sind. Er würde dann Sachinformationen und Wertungen getrennt voneinander abspeichern und auswerten können. Seine Entscheidung würde auf Basis der Fakten getroffen werden. Unser Roboter würde sich als Konsequenz seiner Analyse der in der Nachricht vertretenen Position anschließen oder sie ablehnen. Im Verlauf dieses Blogs werden wir sehen, dass die menschliche Meinungsbildung in der Regel grundlegend anders verläuft. Das Trennen von Fakten und Meinungen ist in unser Software im Alltagsbetrieb nicht vorgesehen.&#xA;&#xA;Die Basis unserer Meinungsbildung ist unser Gedächtnis. Jede Information &amp;#8222;von außen&amp;#8220; muss zunächst in unser bestehendes Wissen einsortiert werden. Hier zeigt sich bereits ein ganz entscheidender Unterschied zu unserem Roboter: Wir speichern immer nur einen Bruchteil der Informationen, die wir aufnehmen. Ein einfacher Selbstversuch mit einer beliebigen Nachrichtensendung oder Zeitung zeigt, dass wir augenscheinlich die allermeisten Informationen sehr schnell wieder vergessen. Ich habe beispielsweise vor etwa zwei Stunden die Lokalzeitung gelesen und erinnere mich jetzt spontan nur an einen einzigen Artikel. (Studien zeigen, dass diese Leistung unterdurchschnittlich ist...) Tatsächlich handelt es sich dabei auch noch um die Titelgeschichte auf Seite 1, auf die mich meine Frau vorab aufmerksam gemacht hatte. Bedeutet die Tatsache, dass ich mich an die übrigen Artikel nicht erinnere, dass meine Meinung zu den vergessenen Ereignissen und Personen, unbeeinflusst geblieben ist? Die Antwort ist ein klares Nein. Eine Meldung kann mich in meiner Meinung über Donald Trump bestärkt haben, obwohl ich mich an die Meldung selbst gar nicht mehr erinnere. Ich habe die Einzelheiten der Meldung nicht abgespeichert, aber meine bestehende Ansicht wurde verfestigt. Diese Wirkung ist für mich vollkommen unbewusst. Dass ich auf verschiedenen Wegen beeinflussbar bin, ohne es zu merken, ist eine unmittelbare Folge der Funktionsweise des Gehirns.&#xA;&#xA;Dieser Blog verknüpft Beobachtungen der aktuellen Medienlandschaft mit Erkenntnissen der wissenschaftlichen Psychologie. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der sogenannten kognitiven Psychologie, die sich unter anderem damit beschäftigt, wie unsere Aufmerksamkeit gesteuert wird, wie unser Gedächtnis funktioniert und wie wir denken. Die kognitive Psychologie betrachtet den Menschen vor allem als ein informationsverarbeitendes Wesen. Diese Sichtweise betont, dass Menschen Informationen aufnehmen, weiterverarbeiten, speichern und für Handlungen nutzen. Im Zusammenhang mit Massenmedien muss darüberhinaus beachtet werden, dass die Informationen, die wir verarbeiten, von anderen Menschen stammen. Es geht also um Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern von Botschaften sowie die Frage, wie Menschen durch Andere beeinflusst werden. Diese Aspekte der Kommunikations- und Sozialpsychologie werden hier ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.&#xA;&#xA;Im weiten Feld der Massenmedien und Massenkommunikation wird sich dieser Blog in erster Linie mit der Wirkung von Nachrichten beschäftigen. Im Gegensatz Werbung oder Unterhaltungsmedien werden Nachrichtenmedien von den meisten Menschen in erster Linie als Informationsquellen angesehen. Nachrichten dienen damit als eine Hauptquelle für Wissen über diese Welt. Wenn wir also verstehen wollen, wie wir über die Welt nachdenken, lohnt sich ein vertiefter Blick darauf, welche Nachrichten wir konsumieren und wie unser Gehirn sie verarbeitet. Dabei hängt der Lernerfolg selbstverständlich stark von der Qualität der Medien und der jeweiligen Nachrichtenauswahl der Redaktionen ab.&#xA;&#xA;&amp;laquo;If the [...] newspapers ever recorded history accurately and with any appreciation of the significance of the events occurring, they do it less now than heretofore, for now everything is so covered with the millinery of sensationalism that none but the wisest can detect the truth beneath.&amp;raquo;&#xA;&#xA;Dieses Zitat von John Gilmer Speed stammt aus dem Jahr 1893 [2]. Speed kritisierte den abnehmenden Informationsgehalt der Zeitungen und erkannte als Ursache die vorrangig kommerziellen Ziele der Eigentümer. Herman und Chomsky gingen vor gut 30 Jahren mit ihrem &amp;#8222;Propaganda Modell&amp;#8220; noch einen Schritt weiter. Sie stellten die These auf, dass die Medien in unserer Gesellschaft vorwiegend die Aufgabe hätten, die bestehenden Machtverhältnisse zu stabilisieren [3]. Diese soziologischen und politischen Aspekte des Mediengeschäfts werden hier nicht vertiefend behandelt. Es steht aber außer Frage, dass die Motivation der Medienmacher ein zentraler Aspekt ist, der zu beachten ist. Die wahrgenommene Motivation des Senders hat selbstverständlich einen Einfluss auf die Interpretation seiner Botschaft. Wenn eine Freundin begeistert von ihrem neuen Kaffeeautomaten berichtet, wirkt das anders, als wenn George Cloony in einem Werbespot die gleiche Maschiene zärtlich anlächelt. Und wenn unser Lebenspartner wiederholt darauf hinweist, dass sich in der Küche das schmutzige Geschirr stapelt, verstehen wir natürlich, dass es hier nicht nur um die nüchterne Beschreibung eines Sachverhaltes geht.&#xA;&#xA;In der direkten zwischenmenschlichem Kommunikation leuchtet es sofort ein, dass unser Gegenüber bestimmte Motivationen und Ziele hat und wir beziehen diese Einsicht in die Interpretation des Gesagten ein. Wir verstehen auch die Konsequenzen, die entstehen können, wenn diese Motivation falsch gedeutet oder ignoriert wird. Bei Nachrichtenmedien sind wir dagegen leicht geneigt, ihre Ziele im Sinne einer unabhängigen &amp;#8222;Vierten Säule&amp;#8220; des Rechtstaates pauschal zu akzeptieren. Wir gehen einfach davon aus, dass Medienhäuser über das Weltgeschehen berichten, weil dies nun mal ihre Aufgabe ist. Diese Verallgemeinerung stellt gewissermaßen eine gedankliche Abkürzung dar. Sie erspart es uns, bei jeder einzelnen Nachricht nach dem Warum der Nachricht zu fragen. Solche Abkürzungen und Verallgemeinerungen sind typisch für die menschliche Informationsverarbeitung. Wir sind sozusagen im Alltag denkfaul.&#xA;&#xA;Ziel dieses Blogs ist es, psychologische Erkenntnisse über grundlegende Wirkmechanismen von medialen Lernprozessen zu vermitteln. Dabei liegt die Überzeugung zugrunde, dass die freie Meinungsbildung heute in hohem Maße Aufmerksamkeit, spezifische Medienkompetenzen und allgemeinem kritisches Denken erfordern. In diesem Sinn begegnen uns in der aktuellen Medienlandschaft zahlreiche Denkfouls – unfaire Verstöße gegen Meinungsvielfalt und Denkfreiheit. Dieses Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, mediale Denkfouls zu erkennen und den Strafraum für die eigene Meinungsbildung zu verteidigen.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;Quellen:&#xA;&#xA;[1] https://www.theguardian.com/us-news/2019/jan/21/donald-trump-lies-factcheckers (last checked February 2020)&#xA;&#xA;[2] Speed, J. G. (1893). Do Newspapers Now Give the News? The Forum, August 1893, pp. 705-711. Downloaded from https://www.unz.com/print/Forum-1893aug/ (February 2020)&#xA;&#xA;[3] Herman, E. S. &amp; Chomsky, N. (1988). Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media. New York: Pantheon Books. ]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Vor Facebook, Rundfunk und Buchdruck wurde Wissen im Wesentlichen direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben. Über einen zerstörerischen Brand in der Nachbarsiedlung erfuhr man nur durch eigene Beobachtungen oder durch Erzählungen. Über Ereignisse außerhalb des unittelbaren eigenen Umfelds erfuhr man in der Regel gar nichts und wenn, dann nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Heute kann der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump täglich bis zu 36 unwahre Aussagen in Echtzeit an Abermillionen Menschen senden, die diese „Fake News“ ihrerseits in Sekundenbruchteilen weiterverbreiten können [1]. Die technische Entwicklung der Massenmedien in der jüngeren Menschheitsgeschichte verlief rasant. Die biologische „Hardware“ mit der wir heute Wissen erwerben – unser Gehirn –, unterscheidet sich jedoch kaum von der unserer Vorfahren, die durch Gesten und Grunzen mitteilten, wo sich essbare Pflanzen und gefährliche Tiere befanden. Ein Neandertaler, der 36 Mal am Tag die Mitglieder seiner Gruppe belog, hatte in einer Zeit, in der Kooperation überlebenswichtig war, vermutlich schlechte Karten. Die Prinzipien nach denen unser Gehirn arbeitet, haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Unsere mediale Umwelt ist dagegen eine grundlegend andere. Um die Konsequenzen dieser Diskrepanz besser begreifen zu können, müssen wir verstehen, wie Menschen lernen und wie das Gedächtnis funktioniert.</p>



<p>Die modernen Massenmedien ermöglichen uns heute ein immenses aktuelles und historisches Wissen über die Welt, auf der wir leben. So können wir beispielsweise erfahren:</p>
<ul><li>Über Hiroshima und Nagasaki wurden Atombomben gezündet.</li>
<li>Die Wolga ist der längste Fluss Europas.</li>
<li>Angela Merkel wurde bereits vier Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.</li></ul>

<p>Und weiterhin:</p>
<ul><li>Die gierigen Griechen brauchen noch mehr Finanzhilfen.</li>
<li>Russland hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert.</li>
<li>Der Fachkräftemangel bedroht die deutsche Wirtschaft.</li></ul>

<p>Die ersten drei Aussagen informieren über bestimmte Ereignisse und Sachverhalte. Es geht um „reine Fakten“, die wir aufnehmen, im Gedächtnis abspeichern und womöglich wieder vergessen. Bei den letzten drei Beispiele ist die Faktenlage dagegen weniger eindeutig. Hier gibt es verschiedene Ansichten, die mit unterschiedlichen Argumenten untermauert werden können. Die jeweiligen Aussagen stellen somit eine Vermischung von Fakten, Wertungen und Meinungen dar. Wie beeinflussen solche Aussagen unser Wissen und damit unsere eigene Meinungsbildung? Wenn wir einen denkenden Roboter bauen wollten, würden wir ihn vermutlich so programmieren, dass er zunächst analysiert, welche Teile der Aussagen Fakten und welche Teile eher Meinungen sind. Er würde dann Sachinformationen und Wertungen getrennt voneinander abspeichern und auswerten können. Seine Entscheidung würde auf Basis der Fakten getroffen werden. Unser Roboter würde sich als Konsequenz seiner Analyse der in der Nachricht vertretenen Position anschließen oder sie ablehnen. Im Verlauf dieses Blogs werden wir sehen, dass die menschliche Meinungsbildung in der Regel grundlegend anders verläuft. Das Trennen von Fakten und Meinungen ist in unser Software im Alltagsbetrieb nicht vorgesehen.</p>

<p>Die Basis unserer Meinungsbildung ist unser Gedächtnis. Jede Information „von außen“ muss zunächst in unser bestehendes Wissen einsortiert werden. Hier zeigt sich bereits ein ganz entscheidender Unterschied zu unserem Roboter: Wir speichern immer nur einen Bruchteil der Informationen, die wir aufnehmen. Ein einfacher Selbstversuch mit einer beliebigen Nachrichtensendung oder Zeitung zeigt, dass wir augenscheinlich die allermeisten Informationen sehr schnell wieder vergessen. Ich habe beispielsweise vor etwa zwei Stunden die Lokalzeitung gelesen und erinnere mich jetzt spontan nur an einen einzigen Artikel. (Studien zeigen, dass diese Leistung unterdurchschnittlich ist...) Tatsächlich handelt es sich dabei auch noch um die Titelgeschichte auf Seite 1, auf die mich meine Frau vorab aufmerksam gemacht hatte. Bedeutet die Tatsache, dass ich mich an die übrigen Artikel nicht erinnere, dass meine Meinung zu den vergessenen Ereignissen und Personen, unbeeinflusst geblieben ist? Die Antwort ist ein klares Nein. Eine Meldung kann mich in meiner Meinung über Donald Trump <em>bestärkt</em> haben, obwohl ich mich an die Meldung selbst gar nicht mehr erinnere. Ich habe die Einzelheiten der Meldung nicht abgespeichert, aber meine bestehende Ansicht wurde verfestigt. Diese Wirkung ist für mich vollkommen unbewusst. Dass ich auf verschiedenen Wegen beeinflussbar bin, ohne es zu merken, ist eine unmittelbare Folge der Funktionsweise des Gehirns.</p>

<p>Dieser Blog verknüpft Beobachtungen der aktuellen Medienlandschaft mit Erkenntnissen der wissenschaftlichen Psychologie. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der sogenannten <em>kognitiven</em> Psychologie, die sich unter anderem damit beschäftigt, wie unsere Aufmerksamkeit gesteuert wird, wie unser Gedächtnis funktioniert und wie wir denken. Die kognitive Psychologie betrachtet den Menschen vor allem als ein <em>informationsverarbeitendes</em> Wesen. Diese Sichtweise betont, dass Menschen Informationen aufnehmen, weiterverarbeiten, speichern und für Handlungen nutzen. Im Zusammenhang mit Massenmedien muss darüberhinaus beachtet werden, dass die Informationen, die wir verarbeiten, von anderen Menschen stammen. Es geht also um Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern von Botschaften sowie die Frage, wie Menschen durch Andere beeinflusst werden. Diese Aspekte der Kommunikations- und Sozialpsychologie werden hier ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.</p>

<p>Im weiten Feld der Massenmedien und Massenkommunikation wird sich dieser Blog in erster Linie mit der Wirkung von Nachrichten beschäftigen. Im Gegensatz Werbung oder Unterhaltungsmedien werden Nachrichtenmedien von den meisten Menschen in erster Linie als Informationsquellen angesehen. Nachrichten dienen damit als eine Hauptquelle für Wissen über diese Welt. Wenn wir also verstehen wollen, wie wir über die Welt nachdenken, lohnt sich ein vertiefter Blick darauf, welche Nachrichten wir konsumieren und wie unser Gehirn sie verarbeitet. Dabei hängt der Lernerfolg selbstverständlich stark von der Qualität der Medien und der jeweiligen Nachrichtenauswahl der Redaktionen ab.</p>

<p>«If the [...] newspapers ever recorded history accurately and with any appreciation of the significance of the events occurring, they do it less now than heretofore, for now everything is so covered with the millinery of sensationalism that none but the wisest can detect the truth beneath.»</p>

<p>Dieses Zitat von John Gilmer Speed stammt aus dem Jahr 1893 [2]. Speed kritisierte den abnehmenden Informationsgehalt der Zeitungen und erkannte als Ursache die vorrangig kommerziellen Ziele der Eigentümer. Herman und Chomsky gingen vor gut 30 Jahren mit ihrem „Propaganda Modell“ noch einen Schritt weiter. Sie stellten die These auf, dass die Medien in unserer Gesellschaft vorwiegend die Aufgabe hätten, die bestehenden Machtverhältnisse zu stabilisieren [3]. Diese soziologischen und politischen Aspekte des Mediengeschäfts werden hier nicht vertiefend behandelt. Es steht aber außer Frage, dass die Motivation der Medienmacher ein zentraler Aspekt ist, der zu beachten ist. Die wahrgenommene Motivation des Senders hat selbstverständlich einen Einfluss auf die Interpretation seiner Botschaft. Wenn eine Freundin begeistert von ihrem neuen Kaffeeautomaten berichtet, wirkt das anders, als wenn George Cloony in einem Werbespot die gleiche Maschiene zärtlich anlächelt. Und wenn unser Lebenspartner wiederholt darauf hinweist, dass sich in der Küche das schmutzige Geschirr stapelt, verstehen wir natürlich, dass es hier nicht nur um die nüchterne Beschreibung eines Sachverhaltes geht.</p>

<p>In der direkten zwischenmenschlichem Kommunikation leuchtet es sofort ein, dass unser Gegenüber bestimmte Motivationen und Ziele hat und wir beziehen diese Einsicht in die Interpretation des Gesagten ein. Wir verstehen auch die Konsequenzen, die entstehen können, wenn diese Motivation falsch gedeutet oder ignoriert wird. Bei Nachrichtenmedien sind wir dagegen leicht geneigt, ihre Ziele im Sinne einer unabhängigen „Vierten Säule“ des Rechtstaates pauschal zu akzeptieren. Wir gehen einfach davon aus, dass Medienhäuser über das Weltgeschehen berichten, weil dies nun mal ihre Aufgabe ist. Diese Verallgemeinerung stellt gewissermaßen eine gedankliche Abkürzung dar. Sie erspart es uns, bei jeder einzelnen Nachricht nach dem <em>Warum</em> der Nachricht zu fragen. Solche Abkürzungen und Verallgemeinerungen sind typisch für die menschliche Informationsverarbeitung. Wir sind sozusagen im Alltag <em>denkfaul</em>.</p>

<p>Ziel dieses Blogs ist es, psychologische Erkenntnisse über grundlegende Wirkmechanismen von medialen Lernprozessen zu vermitteln. Dabei liegt die Überzeugung zugrunde, dass die freie Meinungsbildung heute in hohem Maße Aufmerksamkeit, spezifische Medienkompetenzen und allgemeinem kritisches Denken erfordern. In diesem Sinn begegnen uns in der aktuellen Medienlandschaft zahlreiche <em>Denkfouls</em> – unfaire Verstöße gegen Meinungsvielfalt und Denkfreiheit. Dieses Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, mediale Denkfouls zu erkennen und den Strafraum für die eigene Meinungsbildung zu verteidigen.</p>

<hr/>

<p>Quellen:</p>

<p>[1] <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2019/jan/21/donald-trump-lies-factcheckers">https://www.theguardian.com/us-news/2019/jan/21/donald-trump-lies-factcheckers</a> (last checked February 2020)</p>

<p>[2] Speed, J. G. (1893). Do Newspapers Now Give the News? The Forum, August 1893, pp. 705-711. Downloaded from <a href="https://www.unz.com/print/Forum-1893aug/">https://www.unz.com/print/Forum-1893aug/</a> (February 2020)</p>

<p>[3] Herman, E. S. &amp; Chomsky, N. (1988). Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media. New York: Pantheon Books.</p>
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      <pubDate>Sat, 02 May 2020 17:35:41 +0000</pubDate>
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